A. de Nora (1864–1936)

26 Sprüche Realismus

Zweierlei Glück 

Zweifältig ist der Menschen Art, 
Zu leeren ihres Glücks Pokal:
 Der eine zögert, nippt und spart – 
Langwährend ist sein Glück – doch schal!

 Der andre trinkt's im vollen Zug,
 So lang es frisch und prickelnd ist:
 Sein Glück ist kurz, doch süß genug,
 Da er es nimmermehr vergißt.

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Glück Die Beute meines Glücks war arm, Und dennoch war ich reich genug; So reich als einer, der im Arm Des Schicksals schönste Schätze trug. Denn was mein Glück so groß gemacht Und ihm so goldnen Schimmer lieh Und es umwob mit Märchenpracht, War – meine Kinderphantasie. Vielleicht war alles, was ich fand Und selig heimwärts trug im Schoß, Nur leeres Spielzeug, Flittertand, Und bunte kalte Kiesel bloß. Doch all das nahm ich wie ein Kind Für Perlen und Dukatenstück' – Nicht was des Lebens Dinge sind, Was sie uns gelten, ist das Glück!

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Läuterung Das eine Glück, das große, wundervolle, Das jedem Menschen einmal nur gegeben – Die Leidenschaft, die echte, heiße, tolle, Die jeder einmal nur erlebt im Leben – Du wirst sie jetzt, mein liebes Kind, erfahren! Durch Deine Seele wird sie wild gewittern Und Dich erschüttern, und in langen Jahren Nachklingend noch in Deinem Herzen zittern ... Doch fühlen mußt Du sie! Es muß verbrennen Das Herz einmal die Flügel an der Flamme, Daß es sich nicht in eitlem Selbstverkennen Zu hoch erhebe und zu tief verdamme!

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Spiel des Lebens Kinder, große Kinder bleiben Wir im Leben, und wir treiben Ewig ein Versteckenspielen, Wie in alter Jugendzeit: Unter Worten klug verstecken Oder stolz mit Schweigen decken Wir der Herzen wahres Fühlen, Unsre Lust und unser Leid. Hinter jedem Zaun des Lebens Ruft und lockt – und lockt vergebens – Einer Stimme Laut, ein lieber: Komm! hier bin ich! hol' mich du! Aber nie zusammenfinden Sich die Herzen, ach die blinden! immer stürmen sie vorüber, Immer falschen Zielen zu. Zielen, fremd und ferne jenen, Die sie suchen und ersehnen; Doch an jeder Wegeswende Spähn sie nach den andern aus, Bis es Abend wird auf Erden Und sie selber müde werden… Vater Tod klatscht in die Hände: Kinder, alle nun nach Haus! – – –

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Blinde Liebe Vor dir zerbricht mein ganzer Wagemut, All meine Keckheit schmiegt sich vor dich hin Und birgt, wie ein gezähmter Löwe tut, Ihr starkes Haupt an deinen weichen Knien. Wodurch bezwingst du mich? Ist es dein Blick? Dein Lächeln? Ach, ich weiß nicht, was es ist! Vielleicht ist, dir zu folgen, mein Geschick, Weil du die Stärkere an Liebe bist! Vielleicht ist meine Schwäche deine Kraft! Vielleicht sogar bist du dir scheu bewußt Nur deiner eignen tiefen Leidenschaft, Und, daß du siegen oder – fallen mußt! Ich weiß es nicht! Ich liebe dich zu sehr Als daß ich wüßte, was mich zu dir trieb – Und wenn ich es zu wissen einst begehr', Dann, – ach, vielleicht hab' ich dich nimmer lieb.

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Das Letzte Ich hab' dich lieb. Das hab' ich dir gesagt. Hast du mich lieb? Das hab' ich nie gefragt, Damit in deiner Brust verschlossen ruh', Die Antwort, die ich fürchte immerzu, Die eine Antwort: Ja, ich hab' dich lieb! – Denn alles Süßgeheimste, das uns blieb, Der Duft der Blumen, die wir nie gepflückt, Der Schmelz der Flügel, die wir nie zerdrückt, Der Sammt der Früchte, die uns nie gereift, Der Tau der Halme, die wir nie gestreift, All unsrer Liebe keusche Seligkeit Wär' durch dies letzte Liebes-Ja entweiht! Und des Gewährens holder Augenblick Zerbräche des Begehrens holdres Glück! Ich hab' dich lieb. Du aber bleibe stumm. Du weißt, warum…

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Dir! Gleichwie Kinderhände Alle Blumen nur pflücken, Um der Mutter am Ende Sie ans Herz zu drücken – So empfang und pflück ich Alle Freuden im Leben, Nur um dankbar und glücklich Dir sie wieder zu geben, Und die bunten Stunden All meiner Lust Leg ich, zum Strauß gebunden, Dir an die Brust.

de Nora, Gedichte. Hochsommer. Neue Gedichte, 1912

Wo ich geh' und stehe, Jede Scholle Erde, Über die ich schreite, – Von meiner Liebe geweiht! Alle Näh' und Weite, Die ich um mich sehe, Gab wie mein Gefährte Einst meiner Liebe Geleit. Nun ich einsam gehe, Reden alle Steine, Straßen, Plätze, Haine Von meiner Liebe Zeit! Tröstend nimmt die warme Holde Näh' und Ferne Mich in ihre Arme, Daß ich vergessen lerne Meiner Liebe Lied.

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Stumme Liebe Ich liebe dich – und muß dir doch entsagen! Wie viele Süße und wie vieles Leid, Wie viele schmerzdurchbohrte Seligkeit Die armen, herben Worte in sich tragen! In Ketten ist mein stürmisch' Herz geschlagen, Und keine Gnade gibt es, die befreit, Und keine Hoffnung, die ihm Flügel leiht – Nur leiden darf es, doch es darf nicht klagen. So folgt es dir wie ein getreuer Hund. Und eines Tages wirst du es verjagen Wie einen lästigen Hund – und es vergessen. Und für die Liebe, jahrelang getragen, Wird sich nicht einmal – einmal nur dein Mund Auf meine stummgebliebnen Lippen pressen.

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Mit Leib und Seel' Manchmal im Traume meiner Nacht Umschling' ich sie mit tiefer Glut In ihrer ganzen nackten Pracht Und tu, was heiße Liebe tut … Doch wenn sie dann am Tage mir Begegnet, keusch und rein wie je, Schäm' ich so bitter mich vor ihr, Daß ich ihr kaum ins Auge seh'. Sie aber lächelt still und fein, Als wüßte sie, was ich verhehl' Und spräche: Kann es anders sein Wenn du mich liebst mit Leib und Seel'? Und hast du nie daran gedacht, So keusch ich dir am Tage schien, Ob nicht die Träume meiner Nacht Dieselben irren Wege ziehn?

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Ach, was wißt ihr von Liebe denn, ihr Jungen. Kaum flügg' Gewordnen, mit dem Flaum am Kinne, Die ihr ins Leben kommt hereingesprungen Wie in den Ballsaal bunte Harlekine? Ihr schlürft sie nicht mit wählerischen Zungen! Euch ist sie noch im tollen Rausch der Sinne Ein Becher Sekt, voll Übermut geschwungen, Gleichgültig, was davon zu Boden rinne! – Uns aber, die wir wissen, wie sie endet, ist jede Liebe gleich dem heil'gen Grale, Die alles Reine vom Gemeinen wendet, Und die wir trinken bis zum Grund der Schale, Verschwendungslos, als würde sie gespendet Vom Schicksal jedem stets zum letzten Male.

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Das ist das Hauptvergnügen, Das der Herr seit Adam trieb: Nur die Zwei, die sich nicht kriegen, Haben sich ihr Lebtag lieb.

de Nora, Gedichte. Aus: Lebenslauf

Du darfst Deine Lieb' nicht zeigen Und bist mir dennoch treu! Du darfst nie werden mein Eigen Und fühlst doch keine Reu'. Denn Deiner Seele Saiten Sind so auf meine gestimmt, Daß sie über alle Weiten Der meinigen Ton vernimmt. Und wenn sie auch nicht das Leben Auf eine Harfe schlang, Sie schwingen doch gleich und geben Zusammen nur einen Klang.

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Das Lied der Liebe Oft trägt ein Herz mit Schweigen In sich schon lang Sein Lieben, wie die Geigen In sich den Klang. Bis endlich drüber gleiten Wird eine Hand, Die plötzlich alle Saiten Zum Spiele spannt – Und weckt das stumme Sehnen, Das drinnen schlief, Und läßt sie bebend tönen, So voll, so tief, So wild und doch so leise, So stark und müd – Es ist die alte Weise, Das alte Lied! Mein Herz hat es gesungen Wie Sturmgebraus! – Die Saiten sind gesprungen – – Das Lied ist – aus ...

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Die Lieb' ist eine Nachtigall ... Die Lieb' ist eine Nachtigall Und weilt nicht gern an jenem Ort, Wo Stürme tosen allzusehr; Und wenn es kalt wird um sie her, Dann zieht sie fort. Die Lieb' ist eine Nachtigall. Das wunderschönste Lied hat sie; Doch wo noch eine Brust durchzieht Der andern Leidenschaften Lied, Erklingt es nie. Die Lieb' ist eine Nachtigall. So ärmlich ist ihr Tageskleid. Doch in der Mondschein-Nächte Glanz Liegt ihr die Welt zu Füßen ganz In Seligkeit. Die Lieb' ist eine Nachtigall. Im gold'nen Käfig singt sie nicht. Doch wem sie einst im Walde sang, Der mag ihr Lied sein Leben lang Vergessen nicht.

de Nora, Gedichte. Stürmisches Blut. Hundert Gedichte von A. De Nora, Leipzig 1905

Die Lieb' ist eine Nachtigall. Im gold'nen Käfig singt sie nicht.

de Nora, Gedichte. Aus: Die Lieb' ist eine Nachtigall

An der Quelle In der zarten Rosenschale Deiner kleinen Elfenhand Perlte die kristallne Welle Einer kühlen, klaren Quelle, Und ich hielt, ein durst'ger Zecher, Den lebendig süßen Becher An der Lippen heißen Rand. Und ich trank in tiefen Zügen – Trank Vergessen alles dessen, Was mein Herz vor dir besessen, Trank Verwehen aller Lügen, Die wie Staub am Kleide kleben, Trank ein seltsames Enteilen Alles Häßlichen, Gemeinen, Trank ein wunderbares Heilen Aller Kain- und Wundenmale, Die das Leben mir gegeben, Trank die Liebe, deine Liebe Gleich der frischen, sternenreinen, Perlenden, kristallnen Welle Einer kühlen, klaren Quelle Aus der zarten Rosenschale Deiner kleinen Elfenhand.

de Nora, Gedichte. Erfüllung, 1916

Kommt! Ich bin nicht von der Asra Stamm geboren, Die sterben müssen, wenn sie lieben! Ich bin kein Baum, der alle Kraft verloren, Wenn er die eine Frucht getrieben. Mein Herz gleicht jenen Äckern, die voll Ähren An reifen Sommertagen prangen Und klirrend ihrer Schnitterin begehren ... Und sieh, die Schnitt'rin kommt gegangen. Mit hellen Augensternen oder dunkeln – Mit blonden oder braunen Locken – Und läßt die Sichel in der Sonne funkeln – Und schneidet lachend ihren Roggen. Mein Herz ist reich und süß ist seine Spende. Kommt, schöne Schnitterinnen, Und erntet Liebe! Liebe ohne Ende! Denn immer neue sprießt darinnen.

de Nora, Gedichte. Stürmisches Blut. Hundert Gedichte von A. De Nora, Leipzig 1905

Schwalben Eine tote Schwalbe Liegt auf meinem Pfad. Allzu spät dem Nest entronnen Hat sie nicht die Kraft gewonnen, Mit den andern fortzufliegen Nach den schönen bessern Sonnen, Und blieb liegen, Als der Frost genaht. Arme tote Schwalbe, Viele sind wie du, Denen allzu spät das Leben Allzu karg Erfolg gegeben, Ach, und müssen dann erliegen, Während andre weiterfliegen Ihren Siegen, Ihren Sonnen zu …

de Nora, Gedichte. Hochsommer. Neue Gedichte, 1912

Ist dein Leben deiner Lust Oder deines Leidens Bild? Lebst du weiter, weil du will(s)t Oder weil du mußt?

de Nora, Gedichte. Hochsommer. Neue Gedichte, 1912

Menschheit Ob du in Samt und Seide gewiegt Oder in härenem Tuch, In deiner Wiege von Anfang an liegt Ein Segen und ein Fluch. Der Fluch ist, daß du lebenmußtGeworfen in diese Welt. Der Segen, daß du sterbenkannst, Wann dirs gefällt.

de Nora, Gedichte. Hochsommer. Neue Gedichte, 1912