Läuterung Wo war, wo ist, wo wird sie sein, Die Stunde, wahrem Glück erlesen? Sie ist nicht und sie wird nicht sein, Denn sie ist immer nur gewesen! Wir mäkeln viel, bis sie entrinnt, Sie däucht uns schön, wenn wir sie missen, Und daß wir glücklich waren, wissen Wir erst, wenn wir es nimmer sind. Wo ist der Mann, wann wird er kommen, Den alle Tugendzierden adeln? Steht er dir nah, noch so vollkommen, Doch weißt du dieß und das zu tadeln; Erst wenn er schied und nimmer kehrt, Erglänzen hell dir seine Gaben, Und eines Menschen ganzen Werth Zu kennen, müßt ihr ihn begraben. Was lieb dir, wird dir lieber sein, Noch schmerzlich lieber durch dieFerne;Blick auf! wie schlingt sie glänzend rein Den goldnen Zauber um die Sterne! Sie webt die blaue Schleierluft Um des Gebirges schroffe Zinnen, Daß eingehüllt in weichen Duft Die Härten des Gesteins zerrinnen. Blick nieder, wo von ihrem Gruß Die Friedhofhügel wogend schwellen, Des dunkeln Stromes grüne Wellen, Der so viel Liebes scheiden muß! Sie spülen Makel weg und Fehle, – Und wie ein Schwan beim Wellenschein, Im Drüberflug ahnt deine Seele: Hier bad' ich einst den Fittig rein.
O schönes Bild, zu sehen Vom Ring' der Lieb' umspannt Die Erde und den Himmel, Die Menschen und ihr Land!
Ich hab' eine alte Muhme, Die ein altes Büchlein hat, Es liegt in dem alten Buche Ein altes, dürres Blatt. So dürr sind wohl auch die Hände, Die's einst im Lenz ihr gepflückt. Was mag doch die Alte haben? Sie weint, so oft sie's erblickt.
Zweite Liebe Warum auch zweite Liebe Noch stets mit bangem Muth, Mit Angst uns füllt und Zweifeln Wie's kaum die erste thut? Seht, ein ergrauter Bergmann Fährt in der Grube Nacht, Und alle Weg' und Tritte Kennt er im dunkeln Schacht. Er, dem wie seine Hütte Bekannt der Stollen ward, Bekreuzt sich doch und betet, Bevor er wagt die Fahrt.
Archipelagus der Liebe Es glüht das Meer, endlos vor mir gebreitet, Wie die Erinnerung an ros'gen Mai, Und jenes Segel, das darüber gleitet, Mich dünkt's, als ob mein eignes Herz es sei. Du unstet Fahrzeug dort, das schwank und irre Fern durch die Wogen steuert hin und her, Wer sagt mir wohl, wohin dein Segel schwirre In diesem weiten, inselreichen Meer? Welch Eiland einst dein Port aus all den blauen, Zerstreut im Spiegel abendrother Gluth, Wie Häupter holder Jungfraun anzuschauen Auftauchend aus dem Bade lauer Fluth? O dieses hier, auf diesen Flur von Rosen Der Abend jetzt auch seine Rosen streut, Daß Himmelsblüthen mit den ird'schen kosen, Und Erd' und Himmel glühn im Blumenstreit? Ob jenes dort, so stolz die Stirne tragend, Wenn Morgenroth drauf seinen Kuß gepreßt, Doch dessen goldner Felsenwall, hochragend, Den Kahn der Sehnsucht nimmer landen läßt? Ob jene Insel, die, daß sanft es lande, Manch Schifflein lockt, und lieblich anzusehn, Wenn Mondenglanz sich gießt auf ihre Strande Und goldne Stern' in Meer und Äther stehn? Ob es die blondgelockte, deren Felder In üpp'ger Saat hinfluthen helles Gold? Die schwarzgelockte, der ein Kranz der Wälder Wie lindes Haar reich um die Schultern rollt? Wer sagt es mir, wohin dies Segel schwirre, Und ob's ein Schiff auch, was dort treibt umher? Ob's nicht vielleicht mein Herz, das schwanke, irre, Durchschiffend der Erinnrung blaues Meer?
Der Liebesgarten Wenn Nachts der freundliche Schlummer Die silbernen Fäden webt, Da trägt es mich flugs in ein Gärtchen, Wo Liebe nur schafft und lebt. Drin grünet manch seliges Plätzchen, Drin blühet manch lieblicher Strauß; Da pfleg' ich mein friedliches Gärtchen Und schmück es gar sorglich aus. Mit Freuden und Leiden der Liebe, Bis der purpurne Morgen kam, Doch nicht mit all meinen Freuden Und nicht mit all meinem Gram! Denn würde zur farbigen Blume Jedweder selige Traum, Für all die Blüthen und Blumen Wär' in dem Gärtchen nicht Raum. Und fiele gar jegliche Thräne Als Thau auf die Fluren schwer, Bald sähe man statt des Gärtchens Ein blitzendes Perlenmeer. Und lächelten Blicke der Liebe Als Sonnen von Himmelshöhn, Bald glänzten auf's Gärtchen mehr Sonnen Als Halme auf Wiesen stehn. Und flatterte jegliches Küßchen Als farbiger Schmetterling, Bald blühten zu wenig der Blumen Den Faltern im Gartenring. Doch trübte jeglicher Zwiespalt Als Wolke der Sonnen Schein, Traun, oben am Himmel blieb' es Wohl ewig heiter und rein. Und wüchse jegliche Untreu Des Liebchens als Schierlingskraut, Ich hätte die Schierlingsstaude Im Gärtchen noch nie erschaut. So träum' ich mir Nachts mein Gärtchen Aus der Liebe Freuden und Gram; Wie anders doch ist es zu schauen, Wenn wieder der Morgen kam! Die Falter sind all' entflogen, Die Sonnen sind alle verglüht, Die seligen Plätzchen verschwunden, Die Blumen versengt und verblüht. Der einzige Thau sind die Thränen, Der Schierling das einzige Grün, Und über erstorbenen Keimen Ziehn düstere Wolken dahin.
Es lebt in Elend qualenvoll, Wer, was er liebt, nicht sehen soll!
Des Daseins Kelch kredenzt bald süß, bald herb den Trank, Der herbe heilt oft den, der von dem süßen trank.
Dunkeln muß der Himmel rings im Runde, Daß sein Sternenglanz zu leuchten wage; Stürmen muß das Meer bis tief zum Grunde, Daß ans Land es seine Perlen trage; Klaffen muß des Berges offne Wunde, Daß sein Goldgehalt ersteh' zu Tage: Dunkle Stunden müssen offenbaren, Was ein Herz des Großen birgt und Klaren.
Wer für sich selbst zu schwach und klein, Und wer nicht gerne steht allein, Mag an den Freund sich schmiegen!
Bei der Arbeit magst du singen, Das verleiht der Arbeit Schwingen. Ein Anfang ist kein Meisterstück, Doch guter Anfang halbes Glück.
Was du dankst der milden Göttergunst, drückt dein Haupt zu Boden nieder; was du dankst der eignen Müh' und Kunst, hebt es zu den Göttern wieder.
Lästert nicht die Zeit, die reine! Schmäht ihr sie, so schmäht ihr euch; Denn es ist die Zeit dem weißen, Unbeschriebnen Blatte gleich, Das Papier ist ohne Makel, Doch die Schrift darauf gebt ihr! Ist die Schrift just nicht erbaulich, Nun, was kann das Blatt dafür?
Familiengemälde Großvater und Großmutter, Die saßen im Gartenhag, Es lächelte still ihr Antlitz Wie sonn'ger Wintertag. Die Arme verschlungen, ruhten Ich und die Geliebte dabei, Und blühten und klangen die Herzen Wie Blumenhaine im Mai. Ein Bächlein rauschte vorüber Mit plätscherndem Wanderlied, Stumm zog das Gewölk am Himmel, Bis unseren Blicken es schied. Es raschelte von den Bäumen Das Laub, verwelkt und zerstreut, Und schweigen an uns vorüber Zog leichten Schrittes die Zeit. Stumm blickte aufs junge Pärchen Das alte stille Paar; Des Lebens Doppelspiegel Stand vor uns licht und wahr: Sie sah'n uns an und dachten Der schönen Vergangenheit; Wir sah'n sie an und träumten Von ferner künft'ger Zeit.
Seelen gibt es, die an Sterne mahnen, unbemerkt auf sonn'gen Alltagsbahnen; Dämmerung und Finsternis erst sagen euch, wieviel des Lichts sie in sich tragen.
Die schöne Seele kennt kein süßer Glück als außerhalb verwirklicht auch zu sehn das Edle, Schöne, das sie in sich trägt.
Dem rauhen Troß verbirg, verhehle Das Lenzgeheimnis deiner Seele.
Die Seele warm, das Auge klar, die Lippe wahr, von Stahl der Arm; für's andre sorgen dein Heut' dein Morgen.