Anna Louisa Karsch (1722–1791)

6 Sprüche Aufklärung

Lassen Sie mir die Wollust, daß ich ihnen lieb habe.

Karsch, A. L., Briefe. An Gleim, 25. Juni 1761

An den Domherren von Rochow, als er gesagt hatte, die Liebe müsse sie gelehrt haben, so schöne Verse zu machen Kenner von dem sapphischen Gesange! Unter deinem weißen Überhange Klopft ein Herze, voller Glut in dir! Von der Liebe war es unterrichtet, Dieses Herze, aber ganz erdichtet Nennst du sie die Lehrerin von mir! Meine Jugend war gedrückt von Sorgen, Seufzend sang an manchem Sommermorgen Meine Einfalt ihr gestammelt Lied; Nicht dem Jüngling thöneten Gesänge, Nein, dem Gott, der auf der Menschen Menge, Wie auf Ameishaufen niedersieht! Ohne Regung, die ich oft beschreibe, Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe, Ward zur Mutter! Wie im wilden Krieg, Unverliebt ein Mädchen werden müßte, Die ein Krieger halb gezwungen küßte, Der die Mauer einer Stadt erstieg. Sing ich Lieder für der Liebe Kenner: Dann denk ich den zärtlichsten der Männer, Den ich immer wünschte, nie erhielt; Keine Gattin küßte je getreuer, Als ich in der Sappho sanftem Feuer Lippen küßte, die ich nie gefühlt. Was wir heftig lange wünschen müssen, Und was wir nicht zu erhalten wissen, Drückt sich tiefer unserm Herzen ein; Rebensaft verschwendet der Gesunde; Und erquickend schmeckt des Kranken Munde Auch im Traum den ungetrunknen Wein.

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Mein Herz und ich Deckt noch der Schlaf dein Auge zu, Mein Liebster? O, um süßer dich zu denken, Laß ich die Trunkenmacherin, die Ruh, Aus ihrem Kelch mich minder tränken. Du wachst vielleicht, durch Glockenschlag Aus sanfter Ruh, aus süßem Schlaf gestöret, Ich wache, weil mein Herze Nacht und Tag In sich laut deinen Namen höret.

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Ach! ohne Liebe bleibt im größten Glücke das Herz ein leerer Raum.

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Du aus den Händen der Natur, Zu ihrem Ruhm hervorgegangene Schöne! Jetzt singet, auf der arm gewordnen Flur, Nicht mehr die Lerche. Jetzt verlernt die Thöne Selbst deiner Schwester Nachtigall. Sie schweigt In ihrem melancholischen Gehäuse; Tief denkend sitzt sie da – so sitzet oft der Weise, Der Menschenfreund, wenn fremde Noth ihn beugt, Wenn drückend Elend kommt mit jung gewordnen Tagen, Wenn durch das Vaterland die lautgestöhnten Klagen Erschallen allgemein: Dann sitzet traurig er, Verstummt von Schmerz, und blickt umher, Ob aufgeklärtre Tage kommen – Du holdes Mädchen, von zwey Frommen, Im Lande Friedrichs auf die Welt gebracht; Unmuthig siehest du den Bäumen ihre Pracht, Den Blumen ihren Reiz benommen. Der Maulbeerbaum – er stehet blätterlos; Wie liegen unter ihm, die stolz getragne Locken Zerstreut, auf schwarzer Erde Schooß, Den blassen Leichen gleich! O! ihre Sterbeglocken, Die rauhen Winde stürmten um sie her. Wie ist die Reben-Wand von ihrem Schmuck so leer! Nichts grünet mehr in dem beliebten Raume, Wo du Lustwandeln giengst, wo Blumen sich gebückt, Vor deines weissen Kleides Saume, Wann sie dein Angesicht erblickt. So nimmt die Zeit, einst Güter der Natur Dir schönes Kind! Dein Herbst, dein Winter werden kommen Mit räuberischer Hand. Dann wird, wie von der Flur, Der Reiz von dieser Wange weggenommen. Sie lassen dir des Herzens Schönheit nur! Nur den Verstand heraufgereift, nur Züge Der Seele, die mit Tugend ausgeschmückt Nicht von der Zeit, vom Zufall nicht erdrückt, Bezeuget, daß in ihr der Gottheit Funke liege! Wann achtzehn Erndten noch vorüber gehn, Und Krankheit nicht in Dir Verwüstung angerichtet; Dann ist vielleicht noch dieses Antlitz schön, Das alle Kunst der Mahlerey zernichtet. Wann aber funfzig Sommer du gelebt; Alsdann haucht alle Reize von den Wangen Die starke Zeit, vor der die Gärten sind vergangen, Die prächtig in der Luft geschwebt. Dein äußrer Bau, so künstlich er gewebt, So fein die Nerven auch sind überzogen worden, Ist nichtig, muß vergehn; wie Blüten im April, Wenn nächtlich sie ein Frost kommt in der Knospe morden, Und wenn ins Leben sie die Sonne wecken will, Noch ungestalt und welk an Zweige kleben – Dir aber sollen noch die Jahre Reizung geben. Dein Geist, der innre Mensch, soll, wirst du älter seyn, Durch größre Schönheit den erfreun, Der dir bestimmt, und deiner werth befunden, Mit dir durchlebet goldne Stunden. Uns nicht bekannt, ist dieser Jüngling noch. Du horchst hoch auf, wirst roth, und willst ihn wissen? Der Himmel kennet ihn, und der wird doch Dich nicht unedle Lippen lassen küssen. Nein, fromm und treu, verständig, zärtlich, ernst Sey der, von dem du leicht mehr Tugenden noch lernst.

Karsch, Auserlesene Gedichte, 1763. An Mademoiselle W. Buchholz, auf ihren Geburtstag. Den 30ten des Wintermonaths 1761. Originaltext

Du Gott des Krieges, laß die Erde! Dein Schritt, mit Blut bemerkt, ist fürchterlich, ist schwer, Verändre doch die schreckliche Gebärde, Und schüttle länger nicht den Speer.

Karsch, Gedichte, 1792 (posthum). Aus: Ein Gebet an den Mars, 1762