Erinnerungsblatt Sein Leben war ein ernst, beharrlich Wandern Nach einem hohen Berg, darauf sie stand, Und als er endlich sich am Ziele fand, Da neigte sie sich lächelnd einem Andern! Nun geht er still den langen Weg zurück. Kein Hoffen darf die Schritte mehr beflügeln, Und hinter ihm, auf jenen blauen Hügeln, Verblaßt, verdämmert seiner Seele Glück.
Unbegehrt Es stand eine Rose im tief tiefen Grund Von Liebe und Sehnsucht durchglühet, Kam Keiner, der ihre Schönheit begehrt, Ist einsam und traurig verblüht. Ich weiß eine Seele, die glühte so heiß, Die Liebe, das Glück zu umfangen, Kam Keiner, der ihre Blüte begehrt, Ist einsam zu Grunde gegangen.
Schelmenlied Ich lauscht' dem Fink im grünen Haag, Das hat mich so bethöret. Ach, hätt' ich auf den lust'gen Schlag Des Kecken nicht gehöret! Er sang so süß von Lieb' und Glück, Vom Küssen mir ins Ohr – Vom Scheiden kam im ganzen Stück Kein Sterbenswörtchen vor.
Und damals tat's nicht halb so weh. Was gingst du nicht in jener Nacht, Da ich dir trotzig sagte; "Geh!" Auch heute gilt dasselbe Wort Und damals tat's nicht halb so weh. Ach, damals wagt' ich noch den Kampf, Da war ich mutig, jung und stark, Doch wenn du heute von mir gehst, Dann trifft der Streich mich bis ins Mark.
Liebe Leise wie ein Hauch, Zärtlich wie ein Lied, Furchtsam wie der Schatten, Und so treu doch auch – Arme kleine Liebe, Die ich hart verstieß, Die ich oft des Tages, Zürnend von mir wies, Stehst du nun zur Nacht, Stehst vor meiner Tür, Rufst mit süßer Stimme, Bis ich aufgemacht? Arme kleine Liebe, Hast nun doch gesiegt, Daß dir meine Seele Still zu Füßen liegt.
Auf der Schwelle Wie regt des Abends verliebter Hauch so sanft die Wellen und Busch und Strauch, drückt weiche Falten in mein Gewand und hebt mir schmeichelnd das Gürtelband. Ein Gruß ... ein Seufzer ... ein heimlich Wehn – ward nicht gesprochen, ist nichts geschehn, und dennoch weiß ich zu dieser Frist, daß meine Stunde gekommen ist ... Durch meine Seele ein Ahnen geht, daß auf der Schwelle die Liebe steht.
Sieghafte Lust In deinem Arm, an deinem Herzen – O sag', was hat die Erde noch? Und brächte sie mir tausend Schmerzen Nach diesem Tag, ich jauchzte doch! Und gilt es, durch die Dunkelheiten Der letzten, großen Nacht zu gehn: Der Schimmer dieser Seligkeiten Wird leuchtend überm Wege stehn!
Ich liebe dich… Ich reiße dich aus meinem Herzen, Aus meinem Leben reiß ich dich, Denn wie ein heimlich schleichend Fieber Zehrst du an mir und tötest mich. In jedem Tag, in jede Stunde Schleicht dein geliebtes Bild sich ein, Und ob ich zitternd dir entfliehe In Lust und Lärm – du holst mich ein. Mein eigen Blut hat sich verschworen, Mit dir im Bunde gegen mich – Es braust und tobt mir in den Adern: "Ich liebe dich… ich liebe dich."
Stille Zeit Die Tage rinnen leise hin… Ein jeder bringt ein liebes Glück Und eine liebe Sorge mit, Und schau ich so den Weg zurück, Den ich mit dir gegangen bin, Da will es mir fast bange werden Um so viel Seligkeit auf Erden.
Wehe Liebe Du sagst, ich sei jung – Das nimmt mir die Ruh, Du sagst, ich sei schön – Ich weine dazu! Was soll mir die Jugend, Ich bin ja allein, Was taugt mir die Schönheit – Sie ist ja nicht dein! Ich habe dich lieb – Du fühlst nicht, wie sehr, Ich trage ein Leid – Du weißt nicht, wie schwer ! Ich hatte ein Hoffen, Das ist nun todt… Ach, Gott, Erbarm' dich meiner Noth!
Wie ein Rausch ist deine Liebe, Deine Küsse wie der Wein – Trank ich mich an deinen Lippen Selig satt, so schlaf ich ein. Und dein Arm ist meine Wiege, Heimlich singst du mir ein Lied, Daß ein Glanz von Glück und Liebe Noch durch meine Träume zieht.
Warnung Ich komme heim aus dem Sonnenland. Ich bin den ganzen blühenden Tag In lauter Schönheit gegangen! Nun fliegt's mir um Stirn und Wangen Noch wie ein verklärter, seliger Schein… Sieh mir nicht so in die Augen hinein, Sonst nimmt er dich auch gefangen! Dann kommen wir nicht von einander los, Wir schauen uns an, so sehnsuchtsgroß, Und finden aus lachendem Märchenglück Nie mehr den Weg in das Leben zurück.
Ein Stündchen lang Ich hab' an seiner Brust geruht, In seinen Armen schlief ich ein, Und kreuzt er nimmer meinen Weg – Er war doch eine Stunde mein! Und wenn ich diese Stunde Glück Mit meinem Leben zahlen müßt', Ich ginge lächelnd in den Tod – Er hat mich einmal doch geküßt!
Spätes Glück Es hat ein Blümlein Tag für Tag Sich nach dem Glück gereckt, Die liebe Sonne fand es nicht, War gar zu tief versetzt. Erst, als der Sichel blanker Stahl Die Gräser rings gemäht, Hat’s warm der Sonnenschein geküßt – War aber viel zu spät.
Todeswege Über meinem Haupte deine Hände, Deine Liebe über meinen Wegen – Und doch führen sie der Nacht entgegen, Und ein Grab ist unsres Wanderns Ende! Laß uns, Liebster, in die Sonne schauen, Goldnes Licht und Lust und Freiheit trinken Und dann selgen Augs hinüber winken Zu den stillen, sonnenlosen Auen. Daß, wenn wir vom Lichte scheiden müssen, Noch ein Traum die lange Nacht durchglühe, Und Erinnerung das Grab umblühe Mit dem Rosenflor von deinen Küssen.
Todtes Glück Als unsre Liebe noch blühend war, Haben wir unter den Zweigen gesessen, Hand in Hand, und die Sonne lag Wie eine Krone über dem Tag. Welk ist die Liebe – der Wintersturm Pfeift mir ein trotziges Lied vom Vergessen. Meine weinende Seele spricht:Leidenwill ich – vergessen nicht!
Unglücksrabe So oft ich der alten Nachbarin In ihrem Shawltuch begegnet bin, Wenn die Sonne grade recht hell gestrahlt, Als bekäm sie's heute extra bezahlt – Dann zeigte die alte Nachbarin Mit der welken Hand nach dem Himmel hin Und kniff den Mund so besonders ein, Als biß sie in etwas Saures hinein, Und meinte: "Wenn's nur so bleibt!" So ist's mir im Leben mit Vielen ergangen, Die wußten mit Freude nichts anzufangen Und riefen in jeden Sonnenschein Ihr krächzendes "Wenn's nur so bleibt" hinein! Sie hätten am liebsten der ganzen Welt Das arme bißchen Lachen vergällt Und trauen noch in der Grabesruh Dem Herrgott den ewigen Frieden nicht zu Und meinen: "Wenn's nur so bleibt!"
Ich will den Sturm! Ich will den Sturm, der mit den Riesenfäusten Vom Boden der Alltäglichkeit mich reißt Und mich hinauf in jene Höhen schleudert, Wo erst das Leben wahrhaft Leben heißt! Ich will den Sturm, der mit gewaltgem Athem Zur lichten Gluth die stillen Funken schürt Und, alle Kräfte dieser Brust entfesselnd, Zum Siege oder zur Vernichtung führt! Laß mich nicht sterben, Gott, eh meine Seele Ein einzig Mal in Siegeslust gebebt – Ich kann nicht ruhig in der Erde schlafen, Eh ich nicht einmal, einmal ganzgelebt!
… ein friedevoller, leuchtender Gedanke, der in dem Kampf des Tages Sieger blieb …
Kämpfe Arme Seele, die sich selbst verzehrt! Sehnsucht, die ins Leben möchte greifen Und dem blühenden doch angstvoll wehrt – Arme Hand, die an dem goldnen Reifen Heimlich dreht, weil sie das Glück begehrt, Und doch nicht vermag, ihn abzustreifen – Augen, die dem Lichte abgekehrt, Ruhelos durch Nacht und Dunkel schweifen – Jene Weisheit, die »Entsagung« lehrt, Werdet ihr die bittre je begreifen?
Todesahnen Es starb der Tag mit seiner Noth ... Die Sonne streut ihr leuchtend Roth Um seinen Sarg und hüllt ihn ein, "Gesegnet soll dein Schlummer sein!" Ein Todestraum kommt über mich – Wie lange noch, dann ruh' auch ich, Und was mir Wonne schuf und Pein, Hüllt leuchtend wohl die Sonne ein!