Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848)

14 Sprüche Klassik

So hab aus allem ich gezogen, das treue Fazit mir zuletzt, daß dem das Glück zumeist gewogen, der es am mindesten gehetzt.

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Meine Lieder sandte ich dir, Meines Herzens strömende Quellen, Deine Locke sandtest du mir, Deines Hauptes ringelnde Wellen; Hauptes Welle und Herzens Flut, Sie zogen einander vorüber. Haben sie nicht im Kusse geruht? Schoß nicht ein Leuchten darüber?

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Junge Liebe Über dem Brünnlein nicket der Zweig, Waldvögel zwitschern und flöten, Wild Anemon' und Schlehdorn bleich Im Abendstrahle sich röten, Und ein Mädchen mit blondem Haar Beugt über der glitzernden Welle, Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr, Mit dem Auge der scheuen Gazelle. Ringelblumen blättert sie ab: »Liebt er?« - »liebt er mich nimmer?« Und wenn »liebt« das Orakel gab, Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer: »Liebt er nicht« - o Grimm und Graus! Daß der Himmel den Blüten gnade! Gras und Blumen, den ganzen Strauß Wirft sie zürnend in die Kaskade. Gleitet dann in die Kräuter lind, Ihr Auge wird ernst und sinnend; Frommer Eltern heftiges Kind, Nur Minne nehmend und minnend, Kannte sie nie ein anderes Band Als des Blutes, die schüchterne Hinde; Und nun Einer, der nicht verwandt Ist das nicht eine schwere Sünde? Mutlos seufzet sie niederwärts, In argem Schämen und Grämen, Will zuletzt ihr verstocktes Herz Recht ernstlich in Frage nehmen. Abenteuer sinnet sie aus: Wenn das Haus nun stände in Flammen, Und um Hilfe riefen heraus Der Karl und die Mutter zusammen? Plötzlich ein Perlenregen dicht Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen, In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht, Wie das Blut der Erde zu saugen, Ruft sie schluchzend: »ja, ja, ja!« Ihre kleinen Hände sich ringen, »Retten, retten würd' ich Mama, Und zum Karl in die Flamme springen!«

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Brennende Liebe Und willst du wissen, warum So sinnend ich manche Zeit, Mitunter so töricht und dumm, So unverzeihlich zerstreut, Willst wissen auch ohne Gnade, Was denn so Liebes enthält die heimlich verschlossene Lade, An die ich mich öfters gestellt? Zwei Augen hab' ich gesehn, Wie der Strahl im Gewässer sich bricht, Und wo zwei Augen nur stehn, Da denke ich an ihr Licht. Ja, als du neulich entwandtest Die Blume vom blühenden Rain Und »Oculus Christi« sie nanntest, Da fielen die Augen mir ein. Auch gibt's einer Stimme Ton, Tief, zitternd, wie Hornes Hall, Die tut's mir völlig zum Hohn, Sie folget mir überall. Als jüngst im flimmernden Saale Mich quälte der Geigen Gegell, Da hört' ich mit einem Male Die Stimme im Violoncell. Auch weiß ich eine Gestalt, So leicht und kräftig zugleich, Die schreitet vor mir im Wald Und gleitet über den Teich; Ja, als ich eben in Sinnen Sah über des Mondes Aug' Einen Wolkenstreifen zerrinnen, Das war ihre Form, wie ein Rauch. Und höre, höre zuletzt, Dort liegt, da drinnen im Schrein, Ein Tuch mit Blute genetzt, Das legte ich heimlich hinein. Er ritzte sich nur an der Schneide, Als Beeren vom Strauch er mir hieb, Nun hab' ich sie alle beide, Sein Blut und meine brennende Lieb'.

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Letzte Worte Geliebte, wenn mein Geist geschieden, So weint mir keine Träne nach; Denn, wo ich weile, dort ist Frieden, Dort leuchtet mir ein ewger Tag! Wo aller Erdengram verschwunden, Soll euer Bild mir nicht vergehn, Und Linderung für eure Wunden, Für euern Schmerz will ich erflehn. Weht nächtlich seine Seraphsflügel Der Friede übers Weltenreich, So denkt nicht mehr an meinen Hügel, Denn von den Sternen grüß ich Euch!

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An Levin Schücking O frage nicht, was mich so tief bewegt, Seh' ich dein junges Blut so freudig wallen, Warum, an deine klare Stirn gelegt, Mir schwere Tropfen aus den Wimpern fallen. Mir träumte einst, ich sei ein albern Kind, Sich emsig mühend an des Tisches Borden; Wie übermächtig die Vokabeln sind, Die wieder Hieroglyphen mir geworden! Und als ich dann erwacht, da weint' ich heiß, Daß mir so klar und nüchtern jetzt zu Mute, Daß ich so schrankenlos und überweis', So ohne Furcht vor Schelten und vor Rute. So, wenn ich schaue in dein Antlitz mild, Wo tausend frische Lebenskeime walten, Da ist es mir, als ob Natur mein Bild Mir aus dem Zauberspiegel vorgehalten; Und all mein Hoffen, meiner Seele Brand Und meiner Liebessonne dämmernd Scheinen, Was noch entschwinden wird und was entschwand, Das muß ich Alles dann in dir beweinen.

Droste-Hülshoff, Gedichte

Der eigentlichste Kern der Freundschaft: ein Glaube, ein Hoffen, ein gemeinsames Werk! Es liegt eine große Freude darin.

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Nichts ist kläglicher als Humor in zu engen Schuhen.

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Daß langes Schauen zweifellos erblinde, Und wer den Fäden rastlos nachgespürt, Daß dieser, gleich dem überreizten Kinde, So dümmer wird, je länger er studiert?

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O fünfzehn Jahre, lange öde Zeit! Wie sind die Bäume jetzt so starr und breit! Der Hütte Tür vermocht' ich kaum zu regen, Da schoß mir Staub und wüst Gebrüll entgegen, Und an dem blanken Gartensaale drüben, Da steht 'ne schlanke Maid mit ihrem Lieben, Die schaun sich lächelnd in der Seele Grund, In ihren braunen Locken rollt der Wind: Gott segne dich, du bist geliebt, mein Kind, Bist fröhlich und gesund!

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Ihn muß ich beklagen, der die Hoffnung senkt; ach, wie konnt er verzagen, wo des Herren Wille lenkt! All sein Trost in Schmerz und Leiden, all sein Ruhm in Spott und Schmach mußten von ihm scheiden, da die Hoffnung brach.

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Ich bitte nicht um Glück auf Erden; Nur um ein Leuchten dann und wann: Daß sichtbar deine Hände werden, Ich deine Liebe ahnen kann. Nur in des Lebens Kümmernissen Um der Ergebung Gnadengruß; Dann wirst du schon am besten wissen, Wieviel ich tragen kann und muß.

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Ich trau auf deine Hand, daß sie mich wohl behüte, weil alle deine Güte und Liebe mir bekannt, und daß ein sich'rer Hort das Unheil von mir wende. O Herr, in deine Hände! Dies sei mein letztes Wort.

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Mein Geist, o wolle nicht ergründen, Was einmal unergründlich ist; Der Stein des Falles harrt des Blinden, Wenn er die Wege Gottes mißt.

Droste-Hülshoff, Gedichte. Aus: Am Ostersonntage