Arthur Schnitzler (1862–1931)

79 Sprüche Realismus

Die schlimmste Art ein Glück zu versäumen ist, es nicht zu glauben, da man es erlebt.

Schnitzler, Der junge Medardus. Dramatische Historie in einem Vorspiel und fünf Aufzügen, uraufgeführt 1910

Alles, was Leben und Bewegung ist, was die Seele durcheinanderrüttelt, ist ein bisschen Glück.

Schnitzler, Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen, uraufgeführt 1893, Erstdruck 1894 (3. Fassung 1902)

So mancher glaubt, immer noch einem verlorenen Glücke nachzuweinen und es ist längst nur mehr der abgeschiedene Schmerz darum, dem seine Tränen fließen.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Das Ende einer Liebe erhöht die Sehschärfe.

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Du hast verstanden? Du hast verziehen? Du hast vergessen? Welch ein Mißverständnis! Du hast aufgehört zu lieben.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Wir wissen nämlich, wenn wir eine Frau noch so gut kennen, doch immer nur, wie sie uns liebt, nie ... wie sie einen anderen lieben könnte!

Schnitzler, Anatols Größenwahn, entstanden 1891, uraufgeführt 1932. Anatol

In Hinsicht auf Liebesschulden gilt die Regel: lieber verfallen lassen als zu spät einkassieren.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Wenn du dich in Gefahr glaubst, an einem Menschen zugrunde zu gehen, so rechne es ihm nicht gleich als Schuld an, sondern frage dich vorerst, wie lange du schon nach solch einem Menschen gesucht hast.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Die Liebe einer Frau kannst du dir durch mancherlei verscherzen: durch Vertrauen und durch Mißtrauen, durch Nachgiebigkeit und durch Tyrannei, durch zu viel und zu wenig Zärtlichkeit, durch alles und durch nichts.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Was hat das, was unsereiner in die Welt bringt, mit Liebe zu tun? Es mag allerlei Lustiges, Verlogenes, Zärtliches, Gemeines, Leidenschaftliches sein, das sich als Liebe ausgibt – aber Liebe ist es doch nicht ... Haben wir jemals ein Opfer gebracht, von dem nicht unsere Sinnlichkeit oder unsere Eitelkeit ihren Vorteil gehabt hätte?...Haben wir je gezögert, anständige Menschen zu betrügen oder zu belügen, wenn wir dadurch um eine Stunde des Glücks oder der Lust reicher werden konnten? [...] Und glauben Sie, daß wir von einem Menschen – Mann oder Weib – irgend etwas zurückfordern dürften, was wir ihm geschenkt hatten? Ich meine keine Perlenschnur und keine Rente und keine wohlfeile Weisheit, sondern ein Stück von unserm Wesen – eine Stunde unseres Daseins, das wir wirklich an sie verloren hätten, ohne uns gleich dafür bezahlt zu machen, mit welcher Münze immer. Mein lieber Julian, wir haben die Türen offen stehen und unsere Schätze sehen lassen – aber Verschwender sind wir nicht gewesen.

Schnitzler, Der einsame Weg, 1904

Liebe ist Schönheitssinn, der sich mit Beziehung auf ein bestimmtes Objekt zum Trieb erniedrigte – oder erhöhte; Schönheitssinn ist Liebe, die auf ein bestimmtes Objekt verzichtet hat und beruhigt ins Allgemeine gleitet.

Schnitzler, Aphorismen und Betrachtungen, 1967

Jede Liebesbeziehung hat drei Stadien, die unmerklich ineinander überfließen: das erste, in dem man auch schweigend miteinander glücklich ist; das zweite, in dem man sich schweigend miteinander langweilt, und das dritte, in dem das Schweigen, gleichsam Gestalt geworden, zwischen den Liebenden steht wie ein boshafter Feind.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Es gibt so viele Ersatzgefühle für die Liebe, daß, wer ihr einmal rein begegnet, verwirrt vor dem Unwahrscheinlichen steht.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Fällt von einem immer noch geliebten Wesen der Zauber des Geschlechts allmählich für dich ab, so erlebst du zuweilen das neue Wunder, daß das Kind wieder vor dir steht, das jenes Wesen war, bevor du es als Frau umarmtest, und du liebst es besser als zuvor.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Das Beste, was Liebende im Laufe der Zeit einander werden können, das ist: Surrogate ihrer Träume oder Symbole ihrer Sehnsucht.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Daß wir uns gebunden fühlen mit der steten Sehnsucht nach Freiheit – und daß wir zu binden versuchen, ohne die Überzeugung unseres Rechts dazu, das ist es, was jede Liebesbeziehung so problematisch macht.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

Nicht früher darfst du dich von einer Frau geliebt glauben, ehe du nicht sicher bist, ihre ganze erotische Sehnsucht auf dich allein vereinigt und alle anderen Möglichkeiten ihres Wesens, auch die ungeahntesten, zur Wirklichkeit erlöst zu haben.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927

In der Liebe der Frauen ist fast immer ein Element des Blutschänderischen enthalten; den älteren Mann lieben sie immer ein wenig wie einen Vater, den jüngeren wie einen Sohn.

Schnitzler, Aphorismen und Betrachtungen, 1967

In der Liebe erkennen wir meist zu spät, ob ein Herz uns nur geliehen, ob es uns geschenkt oder ob es uns gar geopfert wurde.

Schnitzler, Aphorismen und Betrachtungen, 1967

Ein geliebter Mensch, das bedeutet sieben Mal Schmerz und einmal Freude.

Schnitzler, Aphorismen und Betrachtungen, 1967

Du ahnst gar nicht, in wie großer Gesellschaft du dich manchmal befindest, auch wenn du mit deiner Geliebten allein zu sein glaubst. Viele sind mit euch, von denen du nichts weißt: ihre vergangenen – viele, von denen sie selber nichts weiß: ihre zukünftigen Liebhaber.

Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente, 1927