August Pauly (1850–1914)

62 Sprüche Realismus

Die Menschen haben viele Götter erfunden und werden dies noch weiterhin tun, aber keinen, den sie nicht glaubten, hintergehen zu können.

Pauly, Aphorismen, 1905

Die Wahrheit ist männlichen Geschlechts.

Pauly, Aphorismen, 1905

Menschen, welche alles auf den Kopf stellen, bringen dadurch zuweilen eine Wahrheit auf die Beine.

Pauly, Aphorismen, 1905

Es ist mir manchmal ein Mensch, dem ich vergeblich eine Wahrheit zu eröffnen suchte, vorgekommen, wie ein Mann, dem ich auf den Gaul helfen wollte, der aber immer wieder drüben herunter fiel.

Pauly, Aphorismen, 1905

Überall, wo Autoritäten herrschen, gibt es verbotene Wege, und auf einem dieser Wege liegt gewöhnlich die nächste große Wahrheit.

Pauly, Aphorismen, 1905

Lieber sich für eine Wahrheit schämen, als für eine Unwahrheit.

Pauly, Aphorismen, 1905

Falsche Meinungen sind zwar ebenso hart wie richtige, jedoch nicht so dauerhaft. Sie zerbrechen zuletzt beim fortwährenden Zusammenstoß doch an letzteren.

Pauly, Aphorismen, 1905

Dass wir ein Inneres besitzen, von dem wir die Welt ausschließen können, in das auch kein König einbrechen kann, das ist doch ein herrliches Gefühl!

Pauly, Aphorismen, 1905

Bei dem Gestalten seiner inneren Welt helfen dem einen die großen Baumeister aller Zeiten, dem andern die Schulmeister, dem dritten die Narren.

Pauly, Aphorismen, 1905

Es gibt im Seelenleben des Menschen feine, liebliche Dinge, die so zart sind, dass sie zerstört werden, wenn man sie mit Worten berührt.

Pauly, Aphorismen, 1905

Im Blick kommt die Seele ans Fenster.

Pauly, Aphorismen, 1905

Eine gesunde Seele erträgt alles, eine kranke nicht einmal das Glück.

Pauly, Aphorismen, 1905

Die moderne Zeit liefert uns tausend Bequemlichkeiten, aber keinen einzigen warmen Platz für die Seele.

Pauly, Aphorismen, 1905

Ruhevoll werden und begehrungslos, die Welt verstehen und über ihre Schwächen lächeln, das ist dein Glück, alte Seele!

Pauly, Aphorismen, 1905

Wir können uns nicht selbst mit Vorsatz überraschen. Aber in dem, was unsere eigene Seele uns aus dem unbekannten Dunkel ihres Arbeitsraumes überreicht, erleben wir dieselbe Überraschung, als ob ein Fremder sie uns verbreitet hätte.

Pauly, Aphorismen, 1905

Es ist auch schon manche Seele erfroren.

Pauly, Aphorismen, 1905

Nichts ist so herrlich als eine Seele ohne Rückhalt. Sie ist wie ein offenes Land ohne Schluchten und Gefahren, in dem du sorglos wandern kannst. Es ist ein großes Land, dieses Land.

Pauly, Aphorismen, 1905

Nicht wahr, du Gute, sagte die Niedertracht zur Dummheit, du bist die einzige, welche einsieht, wie sehr man mir überall Unrecht tut.

Pauly, Aphorismen, 1905

Kein Mensch, auch nicht der allerverkommenste, verträgt es, unwert geachtet zu werden. Wenn ihn alle Welt verachtet, sucht er noch seinesgleichen, bei denen seine Taten etwas gelten.

Pauly, Aphorismen, 1905

Äußerlicher Adel braucht Gesellschaft, um etwas vorzustellen, innererer braucht Einsamkeit.

Pauly, Aphorismen, 1905. Originaltext