Barthold Heinrich Brockes (1680–1747)

7 Sprüche Aufklärung

Nachtgang Wir gingen durch die stille milde Nacht, dein Arm in meinem, dein Auge in meinem. Der Mond goß silbernes Licht über dein Angesicht, wie auf Goldgrund ruhte dein schönes Haupt. Und du erschienst mir wie eine Heilige, mild, mild und groß und seelenübervoll, heilig und rein wie die liebe Sonne. Und in die Augen schwoll mir ein warmer Drang, wie Tränenahnung. Fester faßt' ich dich und küßte, küßte dich ganz leise.

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Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst In einem angenehmen Herbst, bey ganz entwölktem heiterm Wetter, Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser Bäume, geh', Und des so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen Rest beseh'; Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst herabgesunkner Blätter. Ein reges Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt' und drehte sich Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer; doch selten im geraden Strich. Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck, der sie bisher gezieret, So lang es möglich, zu behalten, und hindert' ihren schnellen Fall. Hiedurch ward ihre leichte Last, im weiten Luft-Kreis überall, In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln umgeführet, Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß, berühret; Um sie, bevor sie aufgelöst, und sich dem Sichtlichen entrücken, Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische, zu schmücken. Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichem Gewühl, Und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen Spiel, Der bunten Tropfen schwebendem, im lindem Fall formiertem, Drehn, Mit offnem Aug', und ernstem Denken, nun eine Zeitlang zugesehn; Als ihr von dem geliebten Baum freywilligs Scheiden (da durch Wind, Durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind; Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihren ungezwungnen Fällen) Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum Bilde vorzustellen, Von einem wohlgeführten Alter, und sanftem Sterben; Die hingegen, Die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen Frost, durch schwehren Regen ihren Zweigen abgestreift und abgerissen, kommen mir, Wie Menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl gewaltsam fallen, für. Wie glücklich, dacht' ich, sind die Menschen, die den freywillgen Blättern gleichen, Und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh' und Fried', erreichen; Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!

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Die Frau Ein reiches Weib schafft dir Bequemlichkeit; Ein kluges Weib vertreibt die lange Zeit, Ein Weib von hohem Rang und vielen Ahnen Kann uns den Weg zum Ehrentempel bahnen; Die Vorteil', ich gesteh's, sind Vorteil' in der Tat, Doch lange nicht so groß, als wenn man keines hat.

Haug/Weisser (Hg.), Epigrammatische Anthologie, 10 Bde., 1807-1810

Alle Dinge, große und kleine flüssig, trocken, weich und hart, Tiere, Pflanzen, Holz und Steine zeigen Gottes Gegenwart.

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Gott, der durch ein Wort: Es werde! Aller Himmel Himmel Pracht, Stern’ und Sonnen, Mond und Erde, Glut und Flut hervorgebracht! Alle Tropfen in den Bächen, Ja sogar im tiefen Meer, Hör’ ich gleichsam rauschend sprechen: Nur von Gott kommt alles her; Ihm allein sei Preis und Ehr!

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Kirschblüte bei der Nacht Ich sahe mit betrachtendem Gemüte jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte, in kühler Nacht beim Mondenschein; ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein. Es schien, als wär ein Schnee gefallen; ein jeder, auch der kleinste Ast, trug gleichsam eine rechte Last von zierlich weißen runden Ballen. Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt, - indem daselbst des Mondes sanftes Licht selbst durch die zarten Blätter bricht - sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat. Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden was Weißres aufgefunden werden. Indem ich nun bald hin, bald her im Schatten dieses Baumes gehe, sah ich von ungefähr durch alle Blumen in die Höhe und ward noch einen weißern Schein, der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar, fast halb darob erstaunt, gewahr. Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht von einem hellen Stern ein weißes Licht, das mir recht in die Seele strahlte. Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergötze, dacht ich, hat er dennoch weit größre Schätze. Die größte Schönheit dieser Erden kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

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Sind denn die trefflichen Geschöpfe, Die Menschen, dazu nur gemacht, Daß um vier, fünf erhitzte Köpfe Man sie, wie Ochsen, wieder schlach't?

Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott, 1738. Helden-Gedichte. Originaltext