Ein Herz muß dann und wann an seinem Glück sich laben, es muß der Liebe viel und etwas Frohsinn haben.
Der Mann liebt nicht ins Abstrakte, er liebt nicht die »Liebe«, sondern er liebt ein einzelnes bestimmtes weibliches Wesen, oder mehrere bestimmte weibliche Wesen, meinetwegen auch, wenn Sie's durchaus wollen, sämtliche bestimmten weiblichen Wesen, niemals jedoch die bloße Idee des Verhältnisses des liebenden Mannes zum liebenden Weibe. Ja, Liebesillusion, leidenschaftlichste, wahnsinnige Liebesillusion angesichts eines weiblichen Wesens, das ist männlich; im höchsten Grade männlich sogar, nämlich töricht.
Das blaugrüne Geheimnis oder der verräterische Kirchturm Wann wars, daß wir lagen im grünen Gras? Im Juli ferne. Was sagtest du, daß du mich habest, was? "Kein bißchen gerne." Was blühte dir in den roten Mund? Mariamargretchen. Wem meintest du, daß du gleichest im Grund? "Einem Gartenbeetchen." Ich sprach: "Ja, was soll ich nun eigentlich Kraut, Wen Unkraut nennen?" Wie ein Iltis hast du mich angeschaut. Nicht zu verkennen. Wir hatten auf unserm Sommersitz Vergnüglich gedauert. Da kam hinterm Hügel ein Kirchturmspitz Hervorgelauert. "Ja komm nur, du Frommer! und spionier! Spitz Nas' und Ohren! Notiere dir jeden Kuß wegen mir! Bist stumm geboren. Was nützt dir der Zeiger im Zifferblatt Als Stunden zu drehen? Gut, daß er kein Sprachrohr im Schnabel hat, Er würd' uns verkrähen." Und weil einmal Leichtsinn und Würde nicht sehr Zusammenpassen, So schnitten wir eben, es war nicht schwer, Dem Kirchturm Grimassen. Wir stiegen am Abend voll blauen Glücks Aus dem grünen Himmel. Da verfolgt uns der Kirchturm hinterrücks Mit Glockengebimmel: "Fürio! ihr Leute! Landjäger herbei! Weglagerer, Diebe! Es zünseln, es brenzeln die beiden zwei Brandstiftende Liebe!" "Ei, daß dich das Wetter, du Schreihals du! Der Blitz soll dich treffen! Uns erst mit erlogener Kirchhofruh So schändlich zu äffen!" Was hilfts? jetzt weiß doch die Lästerwelt, Wie wir es halten. Drum wollen wir nur um so fester, gelt? Zusammenhalten.
Erleichtert von den halben Freunden fährt sich’s freier.
Zu jeder Zeit geht unter, was niedrig ist und faul. Stillschweigend schafft der Meister, der Stümper braucht das Maul.
Kein Schicksal ist auf Erden noch so graus, die Liebe schöpft ein Körnchen Glück daraus.
Weder das Alter noch die Jugend sind im mindesten ein Verdienst noch ein Vorzug, ja nicht einmal eine Eigenschaft, sondern einfach ein Zustand. Man ist jung oder alt, so wie man gesund oder krank ist.
Aber ein Jubilar, was hat denn der heute Jubelnswertes erreicht? Das siebenzigste Altersjahr. Ein verwünschter Gewinn! Das heißt einen Erlaubnisschein auf Magenkrebs oder Gehirnerweichung.
Häßlich grinst das Alter und Verderben, der Jugend Lebensdurst und das Gesicht der Erben.
Der Traum vom Lieben Gott Mir träumt, ich schlummert unterm Weidenbusch Am Bachesufer, auf der Himmelswiese, Und mit dem Wasser käm ein schöner Mann Im Boot dahergefahren. Längs der Fahrt Bog er die Büsche auseinander, spähte In das Versteck und reichte links und rechts Geschenke, welche er dem Boot enthob. Wo er vorbeizog, scholl ein Dankesschluchzen. Und aus den Wellen sang's wie Orgelstimme: "Kleingläubige Zweifler, habt ihr's nicht gespürt? Ihr mußtet leiden, daß ihr lernet wünschen. Ihr mußtet wünschen, daß ich euch's gewähre. Was jeder ihm verschwiegnen Seelengrund Ersehnt, die Träume, die dem eignen Herzen Er nicht verriet, ich habe sie gebucht. Nehmt hin, ich kenne jedes Menschenherz! Nehmt hin, ich kenne jeder Seele Sehnsucht!" Allmählich kam er auch zu mir. Neugierig Schärft ich den Blick, denn keines Wunsches war Ich mir geständig. Da entstieg dem Nachen Ein strahlend Frauenbild, vertraulich winkend, Eilt auf mich zu und lachte mir ins Auge: "Kleingläubiger Zweifler, hast du's nicht gespürt?" Dann nahm sie meine Hand und führte mich Durch blumige Triften nach den blauen Bergen. Viel Fenster lugten auf den Weg, dahinter Gesichter, deren Grüße uns vermählten. Wir aber zogen miteinander weiter Und immer weiter über Berg und Tal, Ohne Verdruß und ohne Müdigkeit, Bis wir verschwanden in gottinniger Ferne.
So frei der Großstädter in geistiger Beziehung ist, so ein Sklave ist er an Charakter. Wer im höchsten Grade gesellig lebt, kollektiv denkt und herdenweise fühlt, kann unmöglich individuell und unabhängig sein. Verlangen Sie jeden Mut, jedes Opfer von ihm, nur nicht, daß er eine Krawatte trage, die verpönt ist, daß er sich zu einer Ansicht bekenne, die für lächerlich gilt. Kein asiatischer Despot tyrannisiert seine Untertanen widerstandsloser, als die Gebote der Gesellschaft den Großstädter.
Die drei Rekruten Bei strömendem Regen im Biwuak Kampierten drei müde Rekruten. Sie legten den Kopf auf den Mantelsack Und zogen den Hals in die Kutten Der Regen rauschte, sie merktens kaum, Und sachte, vom Wunsch zum Gedanken Begann in Bälde ein tröstlicher Traum Vor ihren Augen zu schwanken. Sie meinten in ihrer Phantasei, Als wären sie schon Generäle, Im Schlachtengetümmel und Feldgeschrei Diktierend die barschen Befehle. Gemeinsam dünkte den dreien vereint, Man wolle sie überflügeln Und unerschöpflich flute der Feind Herab von den mörderischen Hügeln. Und Adjutanten kämen gesprengt, Bleichwangig, umblitzt von Granaten: "Wir sind umzingelt und eingezwängt. Man meutert. Man wähnt sich verraten." Da sprach der erste: "Ich hab einen Kern Von Jägern und von Husaren. Der Teufel ist ledig und Hilfe ist fern, Jetzt gilt es, die Ehre zu wahren." Ingrimmig faßt er den Säbelknauf, Ermahnte zur Pflicht und zur Ehre, Dann vorwärts ging es in rasendem Lauf, Als ob es der Sturmwind wäre. Aus tausend Schlünden zischte der Tod, Sie grüßten ihn ohne Bangen, Die meisten färbten den Boden rot, Er fiel und wurde gefangen. Bewundernd pflegt ihn der edle Feind Und schenkt ihm den rühmlichen Degen. Er hatte seit Jahren nie geweint, Jetzt spürt er im Auge sich's regen Der zweite sprach: "Ich habe zur Hand Ein Häuflein von Veteranen, Ergeben Gott und dem Vaterland Gehorsam dem Winke der Fahnen." Rasch formt er das Viereck zum letzten Stoß. "Brüder", begann er begeistert, "Gott ist uns dawider, der Feind ist zu groß, Der Tod nur wird niemals bemeistert. Heut heißt es bekunden, was einer wert, Und ob den Vätern wir gleichen. Wir kämpfen, so lange der Atem währt, Und hemmen den Durchpaß als Leichen." "Hurra!" erscholl es wie Donnergebraus. Dann rückten sie mit Gesange Langsam aus dem schirmenden Hohlweg hinaus Zum heiligen Todesgange. Und als am Abend nach bitterem Streit Man sah nach den Toten und Wunden, Da ward von dem Samaritergeleit Ein schaurig Schauspiel gefunden. Zu Bergen starrte die tapfere Schar, Leichnam auf Leichnam geschichtet, Im toten noch boten Trotz sie dar, Das Antlitz feindwärts gerichtet. Und Freund und Gegner entblößten sich stumm Vor des Anblicks grausiger Schöne, Und flüsternd gings in den Reihen um: "Hier schaut man Heldensöhne." Doch der dritte schweigend die Karte las Auf der Brüstung der Kirchhofmauer. Mitunter hob er das Augenglas Und nahm den Feind auf die Lauer. Er spähte nach rechts und spähte nach links, Die Augen funkelnd vor Tücke. Wahrhaftig entdeckt er plötzlicherdings Im Ring die erlösende Lücke. Und eh einer wußte, wie das geschah, Hatt er flugs in die Bresche geschmissen Die Reserven alle von fern und nah Und dem Feinde die Walstatt entrissen. Der Regen plätscherte nach wie vor. Da stieg auf verborgenen Stegen Gewappnet ein riesiger Geist empor Und schwebte heran durch den Regen. Er nickte dem letzten: "Herr General, Wir lernen uns näher kennen. Ob früher, ob später, es wird einmal Der Ruhm deinen Namen nennen. Ihr andern beide, merkt euch den Satz: Entschlagt euch das Oberbefehlen. In jeglichem Regimente ist Platz Für mutige Fähndrichsseelen. Pflicht, Ehre, Begeisterung geb ich euch feil, Sich bescheidend im Unterliegen. Generäle brauch ich im Gegenteil, Die nicht vergessen zu siegen."
Und daß nur ja niemand sich auf die Freundschaft verlasse, die zwischen uns und einem Nachbarvolke in Friedenszeiten waltet. Dergleichen kommt an den leitenden Stellen gar nicht in Betracht. Das sind Harmlosigkeiten in Zivil. Durch die militärische Disziplin haben heutzutage die Regierungen, zumal die mit den Scheinparlamenten, ihre Untertanen fest in der Hand, samt deren Köpfen und Herzen, und mit den eigenmächtigen Völkerverbrüderungen ist es aus. Oder können Sie sich ein Armeekorps vorstellen, das uns zuliebe den Gehorsam verweigerte: "Gegen die Schweizer marschieren wir nicht. Denn das sind Freunde." Vor dem militärischen Kommandoruf und dem patriotischen Klang der Kriegstrompete verstummen alle andern Töne, auch die Stimme der Freundschaft.
Daß Edelmut, Seelenreinheit und Herzinnigkeit ›Schwächlichkeit‹ heißen sollten, das werden wir niemals begreifen und, soweit das in unsern Kräften liegt, auch niemals dulden.