Carmen aureum (Goldene Verse des Pythagoras)
Siehst du das falsche Glück dir lächeln oder lachen, So denk', o Mensch,wie gutdu bist, Und sorge, daß es dir nicht etwa schädlich ist, Glück muß uns ja nicht schlechter machen!
Ein Leben haben wir, und dies nur eine Leben, Dies, dies verschwenden wir im blinden Ohngefähr! Als wärs zu sparsamer Benutzung nicht gegeben, Als wenn's das zwanzigste von tausend Leben wär'!
Lebe nicht für kurze Zeit, Lebe für die Ewigkeit!
Zurück ins schon gelebte Leben Sieh selten nur, wenn's traurig macht, Und, Rechenschaft davon zu geben, Dir nicht das Herze lacht!
Verliere deinen Freund um keinen kleinen Zwist; Wenn aber sein Vergehn kein kleiner Fehler ist, Wenn seinem Herzen Gift am hellen Tag entschlüpfte, Dann reiß' das Band entzwei, das dich an ihn verknüpfte!
Dem, der sich weise dünkt, dem sag auf's leiseste: Wer sich zu weise dünkt, ist nicht der weiseste!
Du Denker! Denker! Du mußt nicht zufrieden seyn, Bis der Gedanke steht so vest wie Marmorstein!
Auf deinem feinesten Pro-patria-Papier Befestige, mein Freund, die gründlichen Gedanken, Um deren Wahrheit, Grund und Engelsschönheit wir Uns leicht nicht mit einander zanken; Die andern schreib auf Löschpapier.
O leben, wie man wünscht zu leben, Und, seines ganzen Lebens sich bewußt, Die Freundes-Hand dem Tode geben; So sterben, das ist eine Lust!
Dahin gelassen gehn, wohin das Schicksal zieht, Soll jeder, der den Faden sieht.