Christoph August Tiedge (1752–1841)

23 Sprüche Klassik

Töricht haschen wir auf Erden Nach des Glückes Irrlicht-Schein; Wer sich quält, beglückt zu werden, Büßt die Zeit ein, es zu sein!

Tiedge, C. A., Gedichte. Episteln. Aus: An einen Freund

Die Liebe knüpft die Rosenschnur, die Freundschaft nimmt sie in Verwahrung.

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Romanze Auf dem Berge, dort oben, da wehet der Wind, Da sitzet Mariechen und wieget ihr Kind; Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand, Den Blick in die Ferne hinaus gewandt. In die Ferne hinüber schweift all ihr Sinn; Ihr Lieber, ihr Treuer, der ging dahin! Sonst ging er, sonst kam er; nun kommt er nicht mehr! Nun ist's um Mariechen so todt und so leer! In den Busen da fallen die Thränen hinein; Da trinket ein Kindlein sie saugend mit ein. Es schmeichelt der Mutter die kindliche Hand; Ihr Blick ist hinaus in die Ferne gewandt. Auch, wie sausend wehet der Wind so kalt! Mariechen, dein Liebster ging aus in den Wald; Ihm reichten die tanzenden Elfen die Hand; Er folgte der lockenden Schaar, und verschwand. Auf den Bergen dort oben, da wehet der Wind; Da sitzet Mariechen und wieget ihr Kind, Und schaut in die Nacht hin, mit weinendem Blick. Dahin ist ihr Liebster, und kehrt nicht zurück. -

Tiedge, C. A., Gedichte. Kleinere Dichtungen, 1807

Die Sendung An Alexis send' ich dich, Er wird, Rose, dich nun pflegen; Lächle freundlich ihm entgegen, Daß ihm sey, als säh' er mich! Frisch, wie du der Knosp' entquollst, Send ich dich; er wird dich küssen: Dann – jedoch er wird schon wissen, Was du alles sagen sollst. Sag' ihm leise, wie ein Kuß Mit halb aufgeschloßnem Munde, Wo mich, um die heiße Stunde, Sein Gedanke suchen muß.

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Von Sein zu Sein geht alles Leben über. – Zum Nichtsein ist kein Schritt in der Natur.

Tiedge, C. A., Gedichte. Aus: Urania, 1800

Entstehen, Sein und Tod! — Verhängnisvolle Worte —

Tiedge, C. A., Gedichte. Aus: Urania, 1800

Wer hat den Weg durchs wilde Meer gefunden, der nie mit Todesstürmen stritt? Es ist ein Herz mit seinen Wunden mehr wert als eins, das niemals litt.

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Ach furchtbar ist des Lebens Offenbarung, Zum Erdenpilger spricht es durch den Schmerz: »Reich wird und reicher die Erfahrung, Und arm und ärmer wird das Herz.«

Tiedge, C. A., Gedichte

Das Leben ist ein Instrument, Von Gott uns in die Hand gegeben; Von ihm zu Weisheit und Verstand Ganz rein gestimmt: nur, Harmonien Für Geist und Herz daraus zu ziehen, Das überließ er unsrer Hand.

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Einst herrschte wild der Trieb; er brauste durch die Kreise, Durchs immer weitere Gebiet des Lebens hin, Und der Instinkt gebot; doch regte leis' und leise Sich in der Willkür schon der sanftre Menschensinn.

Tiedge, C. A., Gedichte. Urania. Aus: Freiheit. Wiedersehn, 1800

Das Dasein ist ein unbebautes Land, Vom Lufthauch überweht, vom Sonnenstrahl umlodert; Und diese tote Wildnis fordert Das Leben erst von unsrer Hand.

Tiedge, C. A., Gedichte. Aus: Urania. Gesang 6. Freiheit. Wiedersehn, 1800

Die Freundschaft ist die heiligste der Gaben, Nichts Heilger’s konn’t uns ein Gott verleihn. Sie würzt die Freud’ und mildert jede Pein, und einen Freund kann jeder haben, der selbst versteht, ein Freund zu sein.

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»So kommt denn«, fragst du, »nimmer weiter Das arme menschliche Geschlecht? So haben denn die edlen Streiter Umsonst gekämpft für Licht und Recht?« – Wir kommen weiter, trotz den Mängeln, Trotz allem, was uns täuscht und irrt, Ob auch ein Paradies von Engeln Die Erde nie erzeugen wird. Die Sonne wird, nach tausend Jahren, Wie heute, schwache Menschen sehn; Auch werden immer aus den Scharen Hervor erhabne Seelen gehn, Die unverletzlich die Gefahren Der Zeitenpestilenz bestehn. Die sind der Menschheit Licht und Leiter; Vor ihnen wird es hell und klar; Sie schreiten vor durch die Gefahr Und führen Menschenseelen weiter. Ein sieggewisser Göttermut Bezeichnet leuchtend diese Hohen; Sie sind die heiligen Heroen Auf denen Gottes Vollmacht ruht. Fern von des Lebens Wirbelkreisen, Und aus den Stürmen seiner Zeit Tief in die Ruh der Einsamkeit Hineinzuflüchten, ziemt dem Weisen, Der gern mit seinem Herzen spricht; Nur sich und Schätze seiner Gaben In ihrem Schoße zu begraben, Verhüllend das verliehne Licht, Wie die verkehrten Tugendhaften, Die heiligen Halbgötterschaften, Das ziemt dem weisen Manne nicht!

Tiedge, Die Einsamkeit, 1792

…aus den Stürmen seiner Zeit Tief in die Ruh der Einsamkeit Hineinzuflüchten, ziemt dem Weisen, Der gern mit seinem Herzen spricht.

Tiedge, Die Einsamkeit, 1792

Wie schön der Hoffnung Bilder lachen: Sie stellen Truggestalten dar; nur die Erinn'rung redet wahr, die Hoffnung ist ein Traum im Wachen.

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Ob ein Gott sei? Ob er einst erfülle, Was die Sehnsucht weinend sich verspricht? Ob, vor irgendeinem Weltgericht, Sich dies rätselhafte Sein enthülle? Hoffen soll der Mensch! Er frage nicht!

Tiedge, C. A., Gedichte. Aus: Urania, Klagen des Zweiflers. Vertont von Ludwig van Beethoven 1804/05

Das ist Religion! Sie schafft Den hohen Sinn der Ruh', sie adelt rohe Triebe Zu Schwüngen edler Leidenschaft. Verzeihn ist ihr Gebot, und ihr Gesetz heißt: Liebe, Und all ihr Tun und Leiden: Kraft! Ihr Blick, ihr Sonnenblick, ergießet Auf den verschlungnen Pilgerlauf Des Lebens, Wärm' und Licht, und schließet Uns dunkle Rätselstellen auf.

Tiedge, Wanderungen durch den Markt des Lebens, 1835

Die Wahrheit liebt zwar Frieden, doch mit der Torheit nicht.

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Man kann auf dieser Erden, Durch Zufall viel, und viel durch Mühe werden; Durch Kraft und Mut nur wird der edle Mann!

Tiedge, C. A., Gedichte. Aus: An Karl. Bei Übersendung der Schriften Luthers

Ist es denn so reizend, sich mit Trümmern In die Weltgeschichte einzubau'n?

Tiedge, C. A., Gedichte. Kleinere Dichtungen. Aus: Elegie auf dem Schlachtfelde bei Kunersdorf, 1803

Aus unsern Herzen Wächst, was wir säen, uns wieder zu; Da pflanzt die Wahrheit ihre Ruh', Da fühlt die Torheit ihre Schmerzen, Da sät das Laster seine Pein. Oh, da verblühet jeder Morgen, Den leere Abende bereun. Da hüllt die Tugend sich verborgen In ihre stille Pflanzung ein, Die ihr kein Erdensturm verweht.

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