Briefwechsel Im Garten, heute morgen, Als ich deinen Brief erbrach, Fand ich drin verborgen Ein Rosenblatt. Ein Rosenblatt, deinen Locken entsunken. Als ich es trunken Mit den Lippen berührte, Kam ein Windhauch und entführte Den holden Gast. Nun segelt es lustig zu dir zurück. Gleich einer Krone trägt es mein Glück Auf tiefrotem Samt – und erblaßt.
Was ist die Liebe? Ist's ein heller Stern, Der plötzlich leuchtet, den wir nie geschaut? Ist's ein Erinnern, das unnennbar fern Uns dünkt und nun in unserer Seele taut, Jäh aus der Schale springt und einen Kern Uns zeigt, so voller Süße, daß uns graut? Ich bin dir gut. Du bist mir gut. Nichts weiter. Dann klimmen wir hinauf die Himmelsleiter.
Glückes genug Wenn sanft du mir im Arme schliefst, ich deinen Atem hören konnte, im Traum du meinen Namen riefst, um deinen Mund ein Lächeln sonnte – Glückes genug. Und wenn nach heißem, ernstem Tag du mir verscheuchtest schwere Sorgen, wenn ich an deinem Herzen lag und nicht mehr dachte an ein Morgen – Glückes genug.
Blümekens Kleine Blüten, anspruchslose Blumen, Waldrandschmuck und Wiesendurcheinander, Rote, weiße, gelbe, blaue Blumen Nahm ich im Vorbeigehn mit nach Hause. Kamen alte, liebe Zeiten wieder: Auf den Feldern wehten grüne Hälmchen, Süß im Erlenbusche sang der Stieglitz, Eine ganze Welt von Unschuld sang er Mir und dir. Nun, seit Jahren, ordnen deine Hände Perlenschnur und Rosen in den Haaren. Wie viel schöner, junge Frau doch schmückten Kleine Blumen dich, die einst wir pflückten, Ich und du.
Ich liebe dich Vier adlige Rosse voran unserm Wagen, wir wohnen im Schlosse in stolzem Behagen. Die Frühlichterwellen und nächtens der Blitz, was all sie erhellen, ist unser Besitz. Und irrst du verlassen, verbannt durch die Lande; mit dir durch die Gassen in Armut und Schande! Es bluten die Hände, die Füße sind wund, vier trostlose Wände, es kennt uns kein Hund. Steht silberbeschlagen dein Sarg am Altar, sie sollen mich tragen zu dir auf die Bahr', Und fern auf der Heide und stirbst du in Not, den Dolch aus der Scheide, dir nach in den Tod!
Heimgang in der Frühe In der Dämmerung, Um Glock zwei, Glock dreie, Trat ich aus der Tür In die Morgenweihe. Klanglos liegt der Weg, Und die Bäume schweigen, Und das Vogellied Schläft noch in den Zweigen. Hör ich hinter mir Sacht ein Fenster schließen. Will mein strömend Herz Über Ufer fließen? Sieht mein Sehnen nur Blond und blaue Farben? Himmelrot und Grün Samt den andern starben. Ihrer Augen Blau Küßt die Wölkchenherde, Und ihr blondes Haar Deckt die ganze Erde. Was die Nacht mir gab, Wird mich lang durchbeben, Meine Arme weit, Fangen Lust und Leben. Eine Drossel weckt Plötzlich aus den Bäumen, Und der Tag erwacht Still aus Liebesträumen.
Kleine Winterlandschaft Hart am Ufer steht mein Fuß, Drüben, horizontdurchlassend, Friert am Strand ein schmales Wäldchen, Nirgends eine Spur von Haus und Menschen. Klatschend steht die Ente auf, Mißtrauisch durch meine Nähe, Bald mit vorgestemmten Rudern, Fällt sie wieder ein nach raschem Fluge. Nebel zieht und hüllt gemach Erst das Wäldchen, dann die Welle, Hüllt mich selbst in seinen Mantel; Nicht mehr sichtbar, quakt ein braver Erpel. Gleich Eliasens Wolke sinkts, Jener Wolke des Propheten, Die zum Himmel ihn entführte, Als vor Isebel er flüchten mußte. Ach, Jehovah, laß mich noch, Laß mich noch auf deiner Erde! Isebel, die schöne Fürstin, Lieb' ich, und sie liebt mich zärtlich wieder.
Versteckte Jasminen Mädchen, was hast du, was ist dir begegnet, Hat dir der Tag heut die Laune verregnet, Siehst so betroffen und wunderlich aus. Guck mir ins Auge, und häng nicht das Köpfchen, Soll ichs von hinten her hoch ziehn am Töpfchen, Mädel, was ist denn, so sprich dich doch aus. Wird sie verlegen ganz, greift in die Tasche, Bleibt ihr die Hand dort, ein Fisch in der Masche; Endlich, Jasminen, wie sind sie mir lieb. Blitzend dann lacht sie: Ich hab sie gestohlen, Mußte sie heimlich vom Park her holen, Hast sie so gern ja, und hier steht der Dieb. Lachen wir beide, der Weg ist gefunden, Fliegende Freuden und flatternde Stunden, Süßes Geplapper, Getändel und Kuß. Ward doch im Leben aus Liebe, aus Liebe Einmal auch meinethalb jemand zum Diebe; Galgen und Rad sind nicht immer der Schluß.
Zwei Meilen Trab Es sät der Huf, der Sattel knarrt, der Bügel jankt, es wippt mein Bart im immer gleichem Trabe. Auf stillen Wegen wiegt mich längst mein alter Mecklenburger Hengst im Trab, im Trab, im Trabe. Der sammetweichen Sommernacht Violenduft und Blütenpracht begleiten mich im Trabe. Ein grünes Blatt, ich nahm es mit, das meiner Stirn vorüberglitt im Trabe, Trabe, Trabe. Hut ab, ich nestle wohlgemut, Hut auf, schon sitzt das Zweiglein gut, ich blieb im gleichen Trabe. Bisweilen hätschelt meine Hand und liebkost Hals und Mähnenwand dem guten Tier im Trabe. Ich pfeif aus Flick und Flock ihm vor, er prustet, er bewegt das Ohr, und sing ihm eins im Trabe. Ein Nixchen, das im nahen Bach sich badet, plantscht und spritzt mir nach im Trabe, Trabe, Trabe. Und wohlig weg im gleichen Maß, daß ich die ganze Welt vergaß im Trag, im Trab, im Trabe. Und immer fort, der Fackel zu, dem Torfahrtlicht der ewigen Ruh, im Trabe, Trabe, Trabe.
Ist unser Leben eine Rennbahn nicht, Wo jeder jeden sucht zu überholen?
Jeder ist mir verächtlich, der nicht bis zum letzten Atemzug um sein geistiges und körperliches Leben kämpft.
Ein glückliches Familienleben zwischen Mann und Weib und ihren Kindern ist der Treffer unseres Daseins.
Schwalbensiziliane. Zwei Mutterarme, die das Kindchen wiegen, es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder. Maitage, trautes Aneinanderschmiegen, es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder. Des Mannes Kampf: Sieg oder Unterliegen, es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder. Ein Sarg, auf den drei Handvoll Erde fliegen, es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder.
Kinder auf der Wiese Auf der Wiese Schmetterlinge, Kinder hurtig hinterher. Haschen sie und reißen lustig – Seht! – das Tierchen kreuz und quer. Kinder aber werden größer. Hurtig hinter ihnen her Hascht das Schicksal – seht! – und lustig Reißts die Menschlein kreuz und quer.
Ich kann nicht in den Hafen der Ehe einlaufen. Ich muß mich leider mit einer Hafenrundfahrt begnügen.
Gestorbne Liebe In nackter Wüste ruht ein Löwenpaar, Das gelbe Fell vom gelben Sand abhebend. Im Schlafe dehnen sich die trägen Glieder. Erwachend, leckt bedächtig eins das andre, Und streckt und reckt sich, gähnt, und schläft von neuem. Ein zweiter Leuenherr zeigt sich in Fernen. Er nähert sich, er stockt, als die Genossen Er unbekümmert vor sich liegen sieht. Nun peitscht sein Schweif, nach Katzenart, die Erde, Er reißt den Rachen auf wie eine Torfahrt, Und Donner rollt ihm aus dem heißen Schlunde. Er kauert sich, und knurrt, und äugt hinüber. Schwerfällig wird das Ehepärchen munter, Schwerfällig kommt es endlich auf die Beine. Der zweite Nobel holt zum Sprunge aus, Und springt, und springt dem Weibchen an die Seite. Das Weibchen dann trabt mit dem Seladon Gemütlich einem Felsendache zu. Das Männchen stutzt, will brüllen, schweigt, Und legt sich wieder nieder: Lat ehr lopen.
Tod in Ähren Im Weizenfeld, in Korn und Mohn, liegt ein Soldat, unaufgefunden, zwei Tage schon, zwei Nächte schon, mit schweren Wunden, unverbunden, durstüberquält und fieberwild, im Todeskampf den Kopf erhoben. Ein letzter Traum, ein letztes Bild, sein brechend Auge schlägt nach oben. Die Sense rauscht im Ährenfeld, er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden. Ade, ade du Heimatwelt - und beugt das Haupt und ist verschieden.
Wer weiß wo. Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm, auf roßzerstampften Sommerhalm die Sonne schien. Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus, und mancher kehrte nicht nach Haus einst von Kolin. Ein Junker auch, ein Knabe noch, der heut das erste Pulver roch, er mußte dahin. Wie hoch er auch die Fahne schwang, der Tod in seinen Arm ihn zwang, er mußte dahin. Ihm nahe lag ein frommes Buch, das stets der Junker mit sich trug am Degenknauf. Ein Grenadier von Bevern fand den kleinen erdbeschmutzten Band und hob ihn auf. Und brachte heim mit schnellem Fuß dem Vater diesen letzten Gruß, der klang nicht froh. Dann schrieb hinein die Zitterhand: »Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand, wer weiß wo.« Und der gesungen dieses Lied, und der es liest, im Leben zieht noch frisch und froh. Doch einst bin ich und bist auch du verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh, wer weiß wo.