Disticha Catonis
Lass die Furcht vor dem Tod: Töricht ist es, für die ganze Zeit, während du den Tod fürchtest, die Freude am Leben zu verlieren.
Am Beispiel vieler lerne, welchen Taten du nacheifern und welche du vermeiden sollst, das andere Leben ist uns eine Lehrmeisterin.
Obwohl uns nur ein ungewisses und vergängliches Leben zuteil geworden ist, setze deine Hoffnung nicht auf den Tod eines anderen.
Weil das ungewisse Leben in ungewissen Gefahren schwebt, betrachte jeden folgenden Tag als Gewinn für dich.
Da du sterblich bist, sorge dich um sterbliche Dinge.
Versprich dir kein langes Leben: Wohin auch immer du gehst, stets folgt dir als Schatten der Tod des Körpers.
Wenn dir ein armer Freund einen nur geringen Dienst erweist, nimm ihn dankbar an.
Die Rede ist allen gegeben, die Weisheit des Geistes nur wenigen.
Bei Zeiten ändert der Weise ohne Schuld seine Gewohnheiten.
Niemals verachte jemandes Urteil, wenn es nützen kann.
Ziehe für dich Bekanntes dem Unbekannten vor: Bekanntes wird durch das Urteil geregelt, Unbekanntes durch den Zufall.
Was folgt, betrachte und sieh voraus, was kommen wird: Jenen Gott ahme nach, der in beide Richtungen blickt.
Unternimm, was du vermagst: Viel sicherer ist es nämlich, die Küste mit den Rudern zu erreichen als das Segel in die Höhe zu spannen.
Bewahre Hoffnung! Die Hoffnung allein verlässt auch im Tod den Menschen nicht.
Was ein Gott beabsichtigt, sollst du nicht durch Orakel erforschen: Welches Urteil er über dich fällt, entscheidet er ohne dein Zutun.
Wenn du sorglos bist und die Lage nicht mit dem Verstand lenkst, nenne das Schicksal nicht blind, das ist es nicht.
Wenn du als Greis die Taten und Worte vieler missbilligst, lass dir in den Sinn kommen, was du als junger Mensch selbst getan hast.
Wenn dir am Ende des Greisenalters noch Reichtümer übrig sind, sorge dafür, dass du als freigiebigiger, nicht als sparsamer Freund lebst.
Auch Rechtschaffenheit ist nicht ohne Schuld.
Beurteile die Menschen nicht allzu sehr nach ihren höflichen Worten: Süß klingt die Flöte, will der Vogelfänger seine Beute täuschen.
Zeichen schlechter Charaktere ist es, sich nach den Feindseligkeiten des Zornes zu erinnern.