Emil Claar (1842–1930)

28 Sprüche Romantik

Da endlich zu im Glücke bist, Erscheint es dir so schwer gefunden, Erkämpft mit so viel tiefen Wunden, Daß es für dich kein Glück mehr ist.

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Ein Glück sich zu wünschen dem Edlen bangt, Weil ewig unlöslich des Lebens Pein. Der niedrig geartete Trieb allein, Weiß mit Bestimmtheit, was er verlangt.

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Zu sagen dir, daß ich dich liebe – Zu sagen dir, daß ich dich liebe, Trotzdem ich's nie und nie gesollt, Das war ja alles, was mir bliebe, Und alles, was ich noch gewoillt. Ich tat's, o Teure, ohne Zaudern! Ein Augenblick nur war's der Glut. Der Augenblick, er sah dich schaudern, Nun still! Und alles, alles ruht. Als ob er nie geflutet hätte, Verkriecht sich tief mein ganzer Schmerz. Und giebt es wo geheimre Stätte, Als ein verstummtes Menschenherz?

Claar, Weltliche Legenden. Gedichte, 1899

Abglanz Der Himmel schickt das Licht hernieder, In dessen Glanz der See erglüht; So spiegelt deinen Reiz nur wieder Die Glut, die mir im Auge sprüht.

Claar, Weltliche Legenden. Gedichte, 1899

Die Verratene Verschneiter Morgen! Über Nacht gewoben ein weißer Schleier! O wär' es ein Linnen zur Leichenfeier Den erwachenden Sorgen. Jäh ging er fort, verschneit ist der Weg, Dort ging er hin, verschneit ist die Brücke. Verschneit ist der einzige Weg Zum Glücke.

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Die Welt ist so groß und wir sind so klein! Doch sind wir in heißer Umarmung allein, Dann sinket die Welt in Dämmrung zurück – Wie klein ist die Welt, wie groß unser Glück!

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Untreu Wenn der Vogel jäh verläßt Auf dem Baum das Blätterdach, Zittert das Geäst lange nach – Da du jäh verlassen hast Meiner Liebe Heimatort, Zittre ich, so wie der Ast Fort und fort – Doch dir ist der Flug gesellt, Und mit deinen Flügeln schon Bist du in die Welt Mir entflohn –

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Was wird aus all den Küssen werden, Die du mir nimmst und gibst? Was wird aus all der Lieb' auf Erden, Mit welcher du mich liebst? Mir ahnt, ich werde kränken müssen Dein Herz bis auf den Tod, Aus aller Lieb' und allen Küssen Wird Weh und Schmach und Not!

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Du bist krank In aller Wünsche heißem Treiben, Für einen bitt' ich Gottes Segen: Ich möcht' so lange leben bleiben, Als nötig ist, um dich zu pflegen.

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Wahre Liebe Wahre Liebe kann ja alles, Kann den hohen Himmel stürmen, Und die Sterne niederreißen, Kann im Tal Gebirge türmen, Sie kann Todeswunden schlagen, Sie kann Todeswunden heilen; Aber niemals wird sie lernen: Was sie liebt mit andern teilen.

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Die Wunderrose Die Rose, die du mir gegeben, Sie blühte lang an meiner Brust, Und hat es nicht gewußt Was ihr verlieh dies tiefe Leben. Daß nichts als Staub von ihr verbliebe, Wär' sie in Stunden fortgerafft; Sie sog durch Tage Daseinskraft Aus deiner Liebe!

Claar, Vom Baum der Erkenntnis, 1909

Von deinem Leben Siehst du den eigenen Schatten vergehn Still an der Mauer, Siehst du die ziehende Wolke verweh'n Im Regenschauer, Siehst du den steigenden Morgenrauch In Nichts verschweben – So siehst du Anfang und Ende auch Von deinem Leben.

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Stolz und ergeben Tragen das Leben, Heißt Ruhe erwerben Zum Sterben.

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Das Kind und das Tier und die Blume Sie wurden in meinem Sein Zum letzten Heiligtume, Allanders ist schwere Pein.

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Leben und Tod Macht dir das Erdendasein Pein, Bedenke in Not: Wirst nicht so lange lebend sein, Wie später tot.

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Zum Lebensweg Willst du tapfer schreiten lernen Mußt du nicht nach Himmelsfernen, Sondern auf die Erde schauen, Und dabei nach klugen Frauen.

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Hin- und Rückweg Wer den Pfad der Jugend schreitet, Sieht, wie diese große Welt Sich vor ihm gewaltig weitet, Wert der Wünsche, prachtgeschwellt! Aber auf des Alters schwerer Wandrung, wird die Welt ringsum Immer kleiner, immer leerer, Hoffensbar und trüb und stumm.

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Mir summt im Herzen ein leises Lied Mir summt im Herzen ein leises Lied, Ich wag es nicht zu beginnen, Es ist zu traurig – Und ein Gedanke mich durchzieht, Ich wag' nicht ihm nachzusinnen, Er ist zu schaurig. Eine plötzliche Ahnung jedoch, Die möchte ich wissen: Ich werde beides noch Erleben müssen!

Bern (Hg.), Deutsche Lyrik seit Goethe's Tode, 1878

Die Zeit Solang du jung Treibst du die Zeit, Die lästig säumt, Wild vor dir her, Daß endlich sie bringt Was du erhofft, Was du ersehnt. Doch wenn du alt, Dann treibt sie dich, Wie du sie triebst, Und wickelt ab, Sausend und flugs, Dein Lebensgarn – Bald bist du vorbei!

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Menschen, die Gedanken haben, Können schweigen – schweigen – schweigen – Und sich stumm und tief vergraben In den Schatz, der ihnen eigen.

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Gedanken Ich könnte schwelgen tief in Schweigen, Ich könnte jubeln hoch in Tönen, Könnt' ich, ob laut, ob stumm der Reigen, Mir nur das Denken abgewöhnen! Gedanken martern um das Gestern, Gedanken martern um das Morgen, Und hegen Brut in warmen Nestern Und flattern auf als ew'ge Sorgen.

Claar, Vom Baum der Erkenntnis, 1909