Epikur von Samos
Die Natur lehrt uns, was vom Zufall kommt, geringer einzuschätzen, im Glück das Unglück kennenzulernen und im Unglück das Glück nicht zu überschätzen, das Gute vom Zufall ohne Aufregung anzunehmen und gewappnet zu sein gegen das scheinbare Unglück, das von ihm kommt; ferner, dass alles Glück und Unglück der Menge Sache des Augenblicks ist, die Weisheit aber mit dem Zufall nichts gemein hat.
Ein glückliches und unvergängliches Wesen trägt weder in sich selbst irgendwelche Mißstimmung, noch verursacht es solche in einem andern; daher ist es von Haß und Liebe gleich fern; denn alles derartige bedeutet Schwäche.
Sonnige Heiterkeit umtanzt die Welt und ruft uns alle wach zur Glückseligkeit.
Liebesgenuss hat noch nie genutzt, man darf zufrieden sein, wenn er nicht schadete.
Manche rüsten sich ein Leben lang für das Leben und bemerken dabei nicht, daß uns allen das Gift des Werdens als ein todbringendes eingegeben ist.
Es ist nicht möglich, lustvoll zu leben, ohne daß man vernunftgemäß, schön und gerecht lebt, noch vernunftgemäß, schön und gerecht ohne lustvoll zu leben. Wer dies nicht besitzt, der kann nicht lustvoll leben.
Das Leben der Toren ist unerfreulich und angsterfüllt; es wird durchgängig nur von der Rücksicht auf die Zukunft bestimmt.
Wer die Grenzen des Lebens begriffen hat, weiß, daß jenes leicht zu beschaffen ist, was das Schmerzende des Mangels beseitigt und das gesamte Leben zu einem vollkommenen macht. Darum bedarf er keiner Veranstaltungen, die Kämpfe mit sich bringen.
Gewöhne dich an den Gedanken, daß der Tod uns nichts angehe; denn alles Gute und Schlimme beruht auf Empfindung; der Tod aber besteht eben in der Aufhebung der Empfindung. Deshalb ermöglicht uns die richtige Erkenntnis, daß der Tod uns nichts angehe, erst den Genuß des sterblichen Lebens [...].
Für den ist kein Übel im Leben, der sich wahrhaft überzeugt hat, dass nicht zu leben kein Übel sei.
Der edle Mann kümmert sich am meisten um Weisheit und Freundschaft: davon ist diese ein vergängliches, jene ein unvergängliches Gut.
Der Weise empfindet nicht größeren Schmerz, wenn er selber gefoltert wird, als wenn er sieht, wie sein Freund gefoltert wird.
Unter allem, was die Weisheit zum glücklichen Leben beiträgt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft, keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.
Wir brauchen die Freunde nicht, um sie zu brauchen, sondern um des Glaubens zu leben, daß wir sie brauchen dürfen.
Jede Freundschaft ist um ihrer selbst willen zu wählen; den Beweggrund dazu aber bildet der Nutzen.
Man muß eher prüfen, mit wem man ißt und trinkt, als was man ißt und trinkt. Denn ohne einen Freund ist das Leben wie das Fressen von Löwe und Wolf.
Obwohl wir die Freundschaft um der Lust willen eingehen, nehmen wir doch für die Freunde die größten Schmerzen auf uns.
Weder wer vorschnell, noch wer zaudernd Freundschaft schließt, ist zu loben. Man muß auch etwas wagen für die Freundschaft.
Unter den Gütern, welche die Weisheit sich für dauerndes Lebensglück zu verschaffen versteht, ist der Besitz der Freundschaft bei weitem das größte.