Erich Mühsam

22 Sprüche

In der trüben Einsamkeit Späh ich nach der Spur Jener kurzen, süßen Zeit, Da ich Glück erfuhr. Ja, die Wege weiß ich noch, Und die Spur ist nah. Aber Schnee liegt spannenhoch, Wo mein Glück geschah. Meine Tränen fallen drauf, Wärmen rings den Ort. Und der Schnee taut langsam auf, Und der Schnee schmilzt fort.

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Was ist Liebe? Liebe ist, wenn man – ach was! Liebe ist Liebe.

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Mädchen mit den krummen Beinen Mädchen mit den krummen Beinen, wie ein Dackel schief im Gang, glätte mir dein weißes Leinen. Grade will dein Wuchs mir scheinen, liegst du lang. Deine Haut, die fleckig, kreidig, dir verunziert Stirn und Wang, rötet sich und wird geschmeidig, und dein Borstenhaar wird seidig, liegst du lang. Dein Organ ist wie der Spatzen kreischend krächzender Gesang. Komm auf schwellende Matratzen! Wohllaut wird dein heisres Kratzen, liegst du lang. Armes Kind, nie kam ein Freier, der dich auf sein Lager dang. Komm zu mir zur Liebesfeier! Mir schwillt Mut und Blut und Leier, liegst du lang.

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Du hast mich fortgeschickt ... Du hast mich fortgeschickt, und ich geh heim. Die Gaslaternen blinzeln frech und schielen. Im Rinnstein drängt sich dicker Straßenschleim. Zufrieden tropfend gluckst es in den Sielen. In einem Seitenweg verhallt ein Schritt, leicht und beschwingt, als käm er vom Genießen. Studenten torkeln mir vorbei zu dritt, die Zeitungsblätter auf die Stöcke spießen. Ich tu mir leid. Mein Schmerz stimmt mich vergnügt, heißt mich auf alle Ärgernisse achten, ob gegen dich sich draus ein Vorwurf fügt und die, die im Kaffeehaus mit dir lachten. Wart! Morgen sprechen wir uns schon dafür. Mein Ingrimm wird sich zu entladen wissen. - Da bin ich - öffne zögernd deine Tür - und küsse weinend deine leeren Kissen.

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Du liebtest mich mit deiner ganzen Glut. Ich liebte dich mit Seele und mit Geist. Das ist vorbei. Du bist mir nur noch gut. Ich steck in Liebe über Hals und Ohr, – Und denk ich, daß du mir verloren seist, So weiß ich, daß ich mich an dich verlor.

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Meine Straße mir entgegen Ist heut eine Frau gegangen, Deren Tragen und Bewegen All mein Sinnen hält gefangen. Was ich liebend je gepriesen, Wenn ich kurzes Glück genossen, Alle Pracht schien mir in diesen Schlanken Körper eingegossen. Sichrer Schritt auf graden Beinen, Hohe Schultern, schmaler Rücken. In den Augen trocknes Weinen Und verhaltenes Entzücken. Eh' sie meinem Blick entschwände, Folgt ich lange ihren Spuren, Und dann formten meine Hände Ihre herrlichen Konturen Aus der Luft, bis ich verloren Heimging, voll von allem Süßen, Ihren Duft in meinen Poren, Ihren Gang in meinen Füßen. Daß sie doch noch einmal käme! Dann will ich sie knieend fragen, Ob sie mich zum Gatten nähme, – Und sie wird »Sie Esel!« sagen. (Erna)

Mühsam, E., Gedichte. Aus: Wüste – Krater – Wolken. Die Gedichte, 1914

An dem kleinen Himmel meiner Liebe An dem kleinen Himmel meiner Liebe will – mich dünkt – ein neuer Stern erscheinen. Werden nun die andern Sterne weinen an dem kleinen Himmel meiner Liebe? Freut euch, meine Sterne, leuchtet heller! Strahlend steht am Himmel, unverrücklich eures jeden Glanz und macht mich glücklich. Freut euch, meine Sterne, leuchtet heller! Kommt ein neuer Stern in eure Mitte, sollt ihr ihn das rechte Leuchten lehren. Junge Glut wird euer Licht vermehren, kommt ein neuer Stern in eure Mitte. An dem kleinen Himmel meiner Liebe ist ein Funkeln, Glitzern, Leuchten, Sprühen. Denn ein neuer Stern beginnt zu glühen an dem kleinen Himmel meiner Liebe.

Mühsam, E., Gedichte. Aus: Wüste – Krater – Wolken. Die Gedichte, 1914

Nur wer uns liebt, wird mit uns teilen.

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Kleiner Roman Sie lernte Stenographin. Er war Engros-Kommis. Im Speisewagen traf ihn ein Blick. Er liebte sie. auf einer Haltestelle brach man die Reise ab, woselbst er im Hotelle sie als sein Weib ausgab. Nicht viel, das man sich fragte. Doch küßten sie genug. Und als der Morgen tagte, ging schon der nächste Zug. Nach einer kurzen Stunde fand ihre Fahrt den Schluß. Er nahm von ihrem Munde noch einen heißen Kuß. Er sah sie schnupftuchwinkend noch stehn zum letztenmal, und in sein Auge blinkend sich eine Träne stahl. Er soll sie noch heute lieben. Sie war so drall und jung. Ihr ist ein Kind geblieben und die Erinnerung.

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Hilf mir lieben!

Mühsam, E., Gedichte. Aus: Angst packt mich an

Wieder zieh man einen Pfaffen mangelhafter Sittlichkeit. Denn er machte sich zu schaffen mit der jungen Weiblichkeit. Ja, es ist das Los der Frommen, daß im Dienst der Liebe meist sie vom rechten Wege kommen, den ihr Amt sie wandeln heißt. Liebe, sagen sie, sei Tugend – doch sei Lieb auch Unmoral – und liebt einer dann die Jugend, gibt es vor Gericht Skandal. Schwer fürwahr ist zu entwirren dieses Zwiespalts Labyrinth; und wenn schon die Hirten irren, bleibt die Herde vollends blind. Seltsam! Doch lehrt die Erfahrung, daß das Volk es stets erkennt ohne Pfaffenoffenbarung wann man Liebe – Liebe nennt.

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Nur was Dein ist, kann ich lieben. – Bleibe Dein! So bist du mein! ... Wär' ich immer mein geblieben, wär' ich wohl auch ewig Dein.

Mühsam, E., Gedichte. Gesamtausgabe, Band 1, Gedichte, hg. von Günther Emig, Verlag Europäische Ideen, Berlin 1983

Wessen Privatleben niemals die Zentren des Gesellschaftslebens berührt, dessen Biographie kann für Seelenforscher höchst wichtig sein, die Allgemeinheit geht sie nichts an.

Mühsam, Selbstbiographie. Auszug aus einem Manuskript vom Jahr 1919

Kriecht die Hoffnung aus dem Loche Kriecht die Hoffnung aus dem Loche meiner Glücksverlassenheit? Putzt sich eine Glanzepoche aus der Trübnis dieser Zeit? Irgendwo vernahm ich Laute wie von schüchternem Applaus, und ich sah ein Licht, das schaute wie verlegene Liebe aus. Blitzt' es nicht auch in der Ferne wie von schimmerndem Metall? – Zweifellos: es drängen Sterne durchs Gewölk sich überall … Andrerseits ist zu erwägen: Hoffnung hat ein großes Maul, und des Dichters armem Brägen deucht ein Huf oft schon ein Gaul.

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Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen. Ich wollt es jubelnd zu den Menschen schmettern, die bleich am Baume der Erkenntnis klettern, das Glück vermutend in den kahlen Zweigen. Ich wollt sie rufen zu den breiten Küsten, an die des Meeres Wellen silbern schlagen. Ich wollt sie lehren leichte Schultern tragen und freien Sinn in übermüt'gen Brüsten. Ich stoß ins Horn. Noch einmal. – Doch ich staune: die Menschen lachen, die ich wecken wollte, als ob ein Mißton in die Lüfte rollte. – Es muß ein Sandkorn sein in der Posaune.

Mühsam, E., Gedichte. Aus: Wüste – Krater – Wolken. Die Gedichte, 1914

Leitsatz Fürcht' nicht die Stunde, da du stirbst. Die Welt, o glaub's nur, kann dich missen. Kein Stern, um dessen Licht du wirbst, Wird mit dir in den Tod gerissen. Solang du lebst, wirst du gebraucht. Soll dich das Leben nicht vergessen, Sorg, dass die Tat nicht untertaucht, An der du deine Kraft gemessen. Leb, dass du stündlich sterben kannst, In Pflicht und Freude stark und ehrlich. Nicht dich – das Werk, das du begannst, Mach für die Menschheit unentbehrlich!

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Sich fügen heißt lügen.

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Und wieder tritt das Leben mir mit vorgestelltem Fuß entgegen, und wieder reißt des Zufalls Gier vom Munde mir mein Häppchen Segen. Und wieder ist der Weg verbaut, den meine Hände wühlend schufen. Zum hohen Ziel, das ich geschaut, weist mich kein Pfad, gehn keine Stufen. Gott liebt den Menschen nicht, der frei hinaufsteigt zu den Zukunftspforten. Die Häscher seiner Polizei, des Schicksals, lauern allerorten.

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Mir ward zu tragen viel An Leid und tiefem Gram. Das Schicksal kam und nahm Und ist noch nicht am Ziel. Was ich aus Liebe gab, wird mir als Schuld geziehn. Das, ich dess' schuldig bin, Das büß ich reulos ab.

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Eigenes Schicksal will eigenen Rat.

Mühsam, E., Gedichte. Aus: Versöhnung

Meine Seele ist so fremd Meine Seele ist so fremd allem, was als Welt sich preist, allem, was das Leben heißt. Meine Seele ist so rein – keine Scham ist ihr zu eigen. – Nackend steht sie, ohne Hemd abseits eurem Lebensreigen. – Darum nennt ihr sie gemein. Meine Seele weiß es kaum, daß ihr schmähend sie verflucht; – sie tut keiner andern wehe; – ihren fernen, fremden Traum stört nicht einmal eure Nähe! – – Meine Seele sucht. – Sie sucht.

Mühsam, E., Gedichte. Sammlung 1898-1928. Erster Teil: Verse. Erstdruck in: Die Wüste, Gedichte von Erich Mühsam, Berlin 1904