Ernst Stadler
Glück Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel weggeflogen. Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster in die Bläue jagen – Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen, Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich ins Weite zogen. In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen. Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem Herzen zuckt. Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder, Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige Gefieder Zu sommerdunklem Traum das Köpfchen niederduckt.
Was waren Frauen Was waren Frauen anders dir als Spiel, Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden: Du hast nie andres als ein Stück von dir gefunden, Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel. Du strebtest, dich im Hellen zu befreien, Und wolltest untergeh'n in wolkig trüber Flut – Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut. Du stiegst, dein Leben höher aufzutürmen, In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verließ, Und sahst erschauernd deinen Dämon dich umstürmen, Wenn deinen dünnen Traum der Tag durchstieß.
Sicherung Du meinst, daß Nacht und Frost die Glut verscheuchten, Weil Flammen nicht mehr heiß in Dunkel schwellen – Mich sättigt wunschlos das gestillte Leuchten, In dessen Hut sich Weg und Ferne hellen. Ich spüre, wie auf immer uns vereine Der Glanz, den unvergessne Tage spenden, Und trage still, wie in geweihtem Schreine, Ihr Heiligstes in unbeschwerten Händen. Ich weiß mich fahrlos, was mir auch begegnet, Und nah, wie auch ins Ferne Schicksal ladet, Ich fühle jedes Glück von Dir gesegnet Und jede Schönheit nur durch Dich begnadet.
Einem Mädchen Du über deren Lippen leis in linden Frühsommernächten trunkne Worte schweben: Nun will ich deinen jungen Leib umwinden und deiner Seele süße Last entbinden und aller Träume wundervolles Weben in Märchenaugen rätselhaft gespiegelt wie Lilien sich zu dunklen Wassern neigen – Schon fühl ich schwankend in gelöstem Reigen aus Purpurschächten zauberkühn entriegelt ein Fremdes Ahnungsvolles wirkend steigen – Einem Mädchen Schon trägt vom jungen Morgenwind gezogen das goldne Schiff uns auf geklärten Wellen zu neuem Meer. Schon sehen wir im hellen Dunstflor der Fernen weiß vom Gischt umflogen die blauen Inselkuppen ladend schwellen gestreift von früher Sonne scheuem Schein in warmem Kranz die sanften grünen Buchten – Schon steigen wir durch Tal und feuchte Schluchten und schauen strahlend über schwarzem Hain die Wundergärten die wir sehnend suchten – und betten uns in goldne Blüten ein.
Form ist Wollust Form und Riegel mußten erst zerspringen, Welt durch aufgeschlossne Röhren dringen: Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen, Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen. Form will mich verschnüren und verengen, Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen - Form ist klare Härte ohn' Erbarmen, Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen, Und in grenzenlosem Michverschenken Will mich Leben mit Erfüllung tränken.
Anrede Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand. Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt. Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit. Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund Die großen Bäche alles Lebens geh'n, Und hinter dessen quellend gold'nem Grund Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n. Mein Bestes glüht und lischt – ein irrer Stern, Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt – Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern, Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt.