Ernst Woldemar Sacks (1866–1929)

9 Sprüche Realismus

Wenn die göttliche Venus zur Erde hinabstiege, dann würde sie sich von oben bis unten in Barchent und Wolle kleiden, damit sie nicht zur in Samt und Seide gekleideten Demimonde, zur bis zum Herzgrübchen dekolletierten Demimonde oder gar zum Nacktballett eines Kabaretts gerechnet würde.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

Wer nur physisch liebt, sucht nach Abwechslung, die er »natürlich« nicht findet, wer aber physisch und psychisch liebt, sucht nicht nach Abwechslung – er hat sie.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

Die Liebe gleicht einem Kino, dessen großes Portal allen ohne Eintrittsgeld offen steht. Im verdunkelten Vorführungsraum werden Phantasie, Schwärmerei und Leidenschaft auf die Leinwand gezaubert, wobei die Ungebildeten vorne sitzen, um alles recht deutlich zu sehen, während die Kenner ganz hinten sitzen. Beim Verlassen des Theaters müssen alle, Arm und Reich, Jung und Alt, Klug und Dumm durch eine schmale Sperre hindurch und den Geschlechtstrieb als Entgelt an der Kasse abgeben.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

Wenn man das Leben wirklich ernst nimmt, fängt man an zu lachen – nimmt man es humoristisch, dann wird einem ernst zumute. Am besten, man lächelt unter Tränen, und drückt ein Auge zu, so lange, bis einem beide Augen zugedrückt werden.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

Der kleine Affenpinscher kläfft jeden an, auch wenn ihm keiner was tut – der große Bernhardiner bellt nur, wenn er gereizt wird. So ist die geistige Überhebung der Dummen stets in der Offensive, während die geistige Überlegenheit der Klugen nur in der Defensive zutage tritt.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

Der wahre Humorist feixt niemals, lacht selten und lächelt immer – über alles.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

Satire, Ironie und tiefere Bedeutung! Vom heiligen Geist dieser Dreieinigkeit beschattet, und in wortspielloser unbefleckter Empfängnis gezeugt, kommt der Humor zur Welt.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

"Nur beim Sitzen kann man denken und schreiben" (On ne peut penser et écrire qu'assis) sagt Flaubert, wohingegen Nietzsche meint, daß "nur ergangene Gedanken wert haben". Ich schlage einfach einen – entschuldigen Sie das harte Wort – gemäßigten Stuhlgang vor, d.h. man binde oder klebe sich hinten einen Stuhl an und gehe mit Nietzscheschen Gedanken auf und ab; kommen einem Flaubertsche Gedanken, dann kann man sich sofort auf denselben Fleck, wo man eben stand, setzen.

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]

Als die ersten Kirchen erbaut wurden und die Turmspitzen den Himmel durchstachen, sagte Petrus zu den Engeln: "Da kitzeln sie uns die Fußsohlen, und das nennen die Menschen – Religion!"

Sacks, Kabarett des Lebens, o.J. [1925]