Fariduddin Attar
Über das Glück. Vier Dinge, Bruder, sind des Glückes Quelle, Wer sie besitzt, erklimmt die Ehrenstelle. Glanzreiche Herkunft ist ein Glückeszeichen, Der Nied’re kann nicht Thron und Kron’ erreichen. Ein andres ist ein Herz von Sünden rein, Ist rein dein Herz, so hast du nichts zu scheu’n. Beglückten ward ein klarer Geist gegeben, Der Schwachbegabte wird in Trübsal leben. Wer sicher wähnt zu sein vor Gottes Strafe, Ist gläubig nicht, nein, ein betörter Laffe. Fünf Tage sind uns hier geschenkt, nicht mehr, Ein Tor, wer nicht ans Künft’ge denkt vorher. Man soll die Welt und ihre Lust verlassen, Den Saum der Frommen selbstbewusst erfassen. Jag’ nicht der Lust nach, der verfänglichen, Sei Freund der Welt nicht, der vergänglichen. Sorg’ um die Welt wird dir nicht Lohn erwerben, Zumal du ja am Ende doch musst sterben. Wird aus dem Leib gefloh’n die Seele sein, Wird Staub in deiner Knochen Höhle sein. Kein Mittel hast du gegen Leibes Tod, Kein Feind, als eigenes Gelüst, dir droht.
Der Liebende findet das Licht nur, wenn er brennend wie eine Kerze sich selbst verzehrt.
Wer sich zum Freunde dir im Leide macht, Dem bleibe treu, wenn dir die Freude lacht.
Arz'neigleich sind die Weisen, Leben spendend, Die Toren sind wie Gift, Verderben sendend. Durch Arznei gewinnt man Schmerzerlösung, Wie aber findet man durch Gift Genesung?
Einer fragt Bâyazîd, warum Himmel und Erde so seien, wie sie sind; warum die Erde stehe und der Himmel sich drehe. Bâyazîd antwortet: "Wir reden nicht über den Grund des Ganzen, daher suchen wir auch nicht nach dem Grunde für das Einzelne. Die Philosophie fragt nach den Gründen, darum hat sie keinen Anteil an der Religion Muhammeds. In dieser Religion und Gemeinde gibt es nichts, als die Dinge hinzunehmen, wie sie sind, und sich darein zu ergeben."
Ein Mann ist nicht der, welcher fröhlich zu leben, sondern der, welcher fröhlich, frei von der Welt, zu sterben weiß.
Vier Dinge, die das Leben verlängern Vier Dinge machen lang den Lebenspfad, Drum hör', o teure Seele, meinen Rat. Zuerst, das Ohr an holdem Klang ergetzen, Das Aug an mondgleich holder Schönheit letzen, Und drittens, Sicherheit für Gut und Leben; Das Alles wird dem Leben Dauer geben. Wem endlich, was er unternimmt, gelingt, Der sicher es zu hohem Alter bringt.
Ein Derwisch betrachtet den Himmel mit den Sternen und sagt: "O Gott, wenn schon das Dach deines Gefängnisses so schön ist, wie muss erst das Dach deines Gartens (Paradieses) sein!"
Abū 'Alī Tūsī fragt Mīr Kārēz, ob der Weg von Gott zum Menschen oder vom Menschen zu Gott führe. Er antwortet: "Beides ist falsch. Der Weg führt von Gott zu Gott."
Wer einen Augenblick die Nähe Gottes erlangt, der gleicht einem Tautropfen im Meer. Der Tropfen, der im Meere unterging, für den sind beide Welten außer Gott nur noch Wahn.
So ist es mit der Versenkung in Gott wie mit der Liebe: Wenn die Dualität schwindet, finde ich die Einheit und weiß nicht mehr, was ich bin. Ich weiß nicht, ob du ich bist oder ob ich du bin. Ich bin in dir zu nichts geworden, die Dualität ist verlorengegangen. In wessen Herz die Einheit eingraviert ist, der vergißt alles und vergißt auch sich selbst.
Ein Mann betete: "O Herr, öffne mir ein Tor, damit ich zu dir kommen kann." Als eine Frau ihn hörte, sagte sie: "O, du Dummkopf! Ist das Tor denn verschlossen?"
Die mit Verachtung auf den Feind nur blicken, Sie werden einst zur Flucht vor ihm sich schicken.
Die Kennzeichen des Verstockten. Seit am Verstockten ich drei Züg’ erkannt, Hab’ ich mein Auge von ihm abgewandt. Am Schwachen übt er Härt’ und Grausamkeit, Was er auch hab’, ihm fehlt Zufriedenheit. So oft man auch ermahnend zu ihm spricht, Auf sein verstocktes Herz tut’s Wirkung nicht.