Ferdinand von Saar (1833–1906)

15 Sprüche Romantik

Ausgleich Was an Schmerzen du erfahren, Ist vergessen auch zur Stund', Küßt nach langen, öden Jahren Wieder dich ein schöner Mund. Was die Zeit an Ruhm dir raubte, Hast du doppelt reich und schnell, Wenn dein Kranz, der früh entlaubte, Wieder ausschlägt grün und hell. Darum sel'ge Tränen weine, Wird dir noch ein spätes Glück: Denn es bleibt nun auch das deine, Und kein Gott nimmt's mehr zurück!

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Leiden läßt sich ohne Klagen: Wer aber trüge stumm sein Glück!?

Saar, Gedichte, 1888 (EA: 1882). Aus: Verrath

Sonntag Wie lieb' ich es, an Sonntagnachmittagen Allein zu sitzen im vertrauten Zimmer; Durchs Fenster bricht der Sonne heller Schimmer, Das Buch vergoldend, das ich aufgeschlagen. Die Straßen; es rollen keine Wagen; Des Marktes Lärm verstummt, als wär's auf immer, Und all des Sonntagsstaates bunter Flimmer, Er ward hinaus in Wald Flur getragen. Verlassen fühlt sich, wer zurückgeblieben, Und manches schöne Auge blickt verdrossen, Und manche Wünsche unerfüllt zerstieben. Es ruht das Leben, wie in sich zerflossen; Doch still erfüllt sich auch geheimes Lieben, Und einsam wird des Geistes Glück genossen.

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Im Traum nur lieb' ich dich… Im Traum nur lieb' ich dich! Wie könnt' in wachen Tagen Ich mich so nah dir wagen – Im Traum nur lieb' ich dich! Im Traum nur lieb' ich dich! Da schwindet alles Zagen – Da darf dein Mund mir sagen: Im Traum auch lieb' ich dich!

Saar, Gedichte, 1888 (EA: 1882)

Letzte Liebe Schon ist der Tag uns im Verglühen, In letzter Schönheit prangt dein Leib; Der Herzen allerletztes Blühen Ist unser Glück, geliebtes Weib! D'rum laß – o laß die Zeit uns frommen, Und keine Stunde sei versäumt; Von Wonne sei die Nacht durchglommen, Und dann der Morgen hold verträumt. Und jede Freude dieses Lebens Soll noch durch uns're Seele geh'n; Wir wollen sie, entzückten Bebens, Noch ganz genießen und versteh'n. Mag auch der Himmel leise nachten, Und hält er seinen Blitz gezückt – Wir wollen nimmer es beachten, Wie nahe das Verhängniß rückt. Und sterben laßt uns lebenstrunken, Ist der Vernichtung Stunde da, Wie einst im Tode hingesunken Antonius und Cleopatra!

Saar, Gedichte, 1888 (EA: 1882). Aus dem Tagebuch der Liebe. Originaltext

Mühselig ist das Leben Und traurig wie der Tod.

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Gebet Jahr um Jahr hab' ich gerungen Und erlitten Schmerz um Schmerz; Aber stark und unbezwungen Hielt sich mein gequältes Herz. Wie sich auch die Wolken ballten, Wie das Leben sich verschwor – Mit stets reinerem Entfalten Schwang sich still mein Geist empor. Treu erglühend für das Echte, Hab' ich fast das Ziel erreicht; Blickt mich an, ihr ew'gen Mächte: Dieser Scheitel ist gebleicht. Und die Flamme meines Lebens Neigt sich mählich zum Verglüh'n – Gönnt mir noch den Rest des Strebens, Gönnt mir noch ein letztes Müh'n. Laßt mich noch getrost vollenden, Was ich ernst und fest begann, Und auf sanften Götterhänden Traget mich von hinnen dann! – Also fleh' ich, von den Schwingen Der Erfüllung leis umweht – Und doch fürchtend, daß mein Ringen Im Verhängnis untergeht!

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Der höchste Drang des Lebens wünscht sich stets, wenn er sich nicht erfüllen kann, das Grab.

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O wein' dich aus an meiner Brust, Laß in dein Herz mich seh'n; Und wärst du noch so schuldbewußt: Ich kann dich ganz versteh'n. Denn nennen kannst du mir kein Leid, Das nicht schon traf auch mich; Auch mir droht noch Vergangenheit – Und schuldig war auch ich. Auch meine Wange hat gebrannt In der Beschämung Rot – Verloren hab' ich mich genannt Und mir erhofft den Tod. D'rum wein' dich aus an meiner Brust, Ich kann dich ganz versteh'n, Und wärst du noch so schuldbewußt: Getröstet wirst du geh'n!

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Alter Das aber ist des Alters Schöne, daß es die Saiten reiner stimmt, daß es der Lust die grellen Töne, dem Schmerz den herbsten Stachel nimmt. Ermessen läßt sich und verstehen die eigne mit der fremden Schuld, und wie auch rings die Dinge gehen, du lernst dich fassen in Geduld. Die Ruhe kommt erfüllten Strebens, es schwindet des verfehlten Pein - und also wird der Rest des Lebens ein sanftes Rückerinnern sein.

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Ottilie Es hat der ernste Gang der Jahre Dein Antlitz leise schon gekerbt Und dir die dunkelbraunen Haare Zu mattem Silber fast entfärbt. Doch hold und schlank sind noch die Glieder, Die du so leicht im Gange regst, Und reich hängt deine Flechte nieder, Wenn du sie tief im Nacken trägst. Und Stunden gibt es, wo die ganze Zurückhängende Jugend bricht Aus deinem Aug mit scheuem Glanze, Der von verlornem Leben spricht. Dann will es schmerzlich mich durchsprühen, Und küssen möcht ich deinen Mund! Du fühlst es, und mit sanftem Glühen Erbebst du tief im Herzensgrund. So bebt des Herbstes letzte Traube, Vergessen von des Winzers Hand, Mit letzter Glut im fahlen Laube, Wenn sie ein später Wandrer fand.

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Wer vor der Wahrheit gerne sich verschließt, Wird sie zuletzt auch gar nicht mehr erkennen.

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A sè stesso – An sich selbst Ein Fremdling bist du, Ein seltsamer Fremdling, o meine Seele, In diesem Erdengetriebe. Ringsum qualmt Selbstsucht und Hoffart zum Himmel, Laster und Torheit wuchern in üppiger Blüte Und lustig schießen empor die tauben Halme der Eitelkeit. Und siehe: die Welt erträgt es! Sie erträgt es nicht bloß, Sie opfert der Selbstsucht, Beugt sich der Hoffart, Mästet Torheit und Laster Und schmeichelt der Eitelkeit. Aber wehe dir, arme Seele, Wenn zu Tage tritt, Daß auch du staubgeboren, Und einmal dich betreten lässest auf menschlicher Art Und menschlicher Schwäche. Da geifert's sogleich in der Runde! Da predigt die Selbstsucht Entsagung, Die Hoffart Demut, Das Laster Tugend – Und Torheit und Eitelkeit Haben für dich ein Lächeln des Hohnes . . . Fürwahr ein Fremdling bist du, Ein seltsamer Fremdling, o meine Seele, In diesem Erdengetriebe.

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Ein Fremdling bist du, Ein seltsamer Fremdling, o meine Seele, In diesem Erdengetriebe.

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O der Einträchtigen Niederträchtigkeit!

Saar, Kaiser Heinrich der Vierte. Ein deutsches Trauerspiel in zwei Abtheilungen, 2 Bde., 1865-67