Friedrich Kayssler (1874–1945)

23 Sprüche Realismus

Reines Glück empfinden wir immer dann, wenn wir uns vom Persönlichen, vor dem Interesse an unseren persönlichen Angelegenheiten [...] loslösen und im freien Gedanken, im freien Anschauen, im freien Traum schweben – in einem "Anderen", als wir selbst sind, aufgehen.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Leid verbindet, oft zum Glück. Glück löst auf, oft zum Leid.

Kayssler, Wege − ein Weg. Eine Auswahl aus Gedichten, Prosa und Aphorismen, 1929. Drittes Buch: Besinnungen. Zweite Folge (1929)

Liebe, die gelehrt werden muß, ist keine Liebe.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Vielleicht ist das, was wir Irdischen im Liebesgefühl unter Entfernung verstehen, gerade die stärkste Form der Liebe, nur können wir sie nicht zur Anwendung bringen. Wir ahnen diese Form nur, indem wir in der Entfernung die Liebe wachsen fühlen.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Leben heißt: das Wesentliche vor dem Unwesentlichen herausfühlen und tun.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Das Leben des Menschen ist eine ununterbrochene Pendelbewegung zwischen Selbstüberhebung und Selbstunterschätzung.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Leben heißt: die Bestimmung einer jeden Stunde fühlen und danach handeln.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Schaffe Klarheit um dich her. Verstecktes zieh ans Licht. Aber ehre das Verhüllte.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Das Leben Leben, bitter und süß: Lieben ein Teilchen, Hassen ein Weilchen − doch, sei gegrüßt!

Kayssler, Wege − ein Weg. Eine Auswahl aus Gedichten, Prosa und Aphorismen, 1929. Erstes Buch: Ja. Gedichte (1929)

Der Genießer in Arbeit ist eine gefährliche Spezies unter den Arbeitenden. Sein Leben ist nicht reinlich geordnet in Genießen und Schaffen, es ist ein Durcheinanderfließen von einem ins andere.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Je mehr Unwetter und Stürme Bäume wie Menschen überstanden haben, desto inniger und dankbarer kann jeder neue Sonnenstrahl empfangen und erlebt werden.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Das Geheimnis der Gedankenzucht ist ebenso kostbar wie schwer zu erlernen.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Gedanken sind wie wilde Pferde, ebenso schön und stark wie verderblich, wenn man sie nicht zu halten, zu lenken und ihre Gangart zu bestimmen weiß.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Je schwächer unsere Nerven werden mit den Jahren, desto mehr suchen sie sich den Genuß, das Reizmittel der Lebensübergänge zu schaffen.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Eines Tages stehen wir mit weißen Haaren und kurz gebliebenem Hemdchen auf unserem Grabe und versuchen vergebens, es länger zu ziehen.

Kayssler, Wege − ein Weg. Eine Auswahl aus Gedichten, Prosa und Aphorismen, 1929. Drittes Buch: Besinnungen. Zweite Folge (1929)

Jeder trägt den Gott in sich, den er sich verdient.

Kayssler, Besinnungen, 1921

In unermesslichen Höhen, zu denen der Aufstieg nur durch die tiefsten Tiefen unseres Innersten führt, wohnt Gott.

Kayssler, Wege − ein Weg. Eine Auswahl aus Gedichten, Prosa und Aphorismen, 1929. Drittes Buch: Besinnungen. Zweite Folge (1929)

Wir zielen nach der Wahrheit, aber treffen können wir sie erst in einer klareren Sphäre.

Kayssler, Wege − ein Weg. Eine Auswahl aus Gedichten, Prosa und Aphorismen, 1929. Drittes Buch: Besinnungen. Zweite Folge (1929)

"Sich sammeln." Woher stammt das Wort? Es gibt das Bild der zusammengesetzten Wesenheit der Seele.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Raum ist Körper für Unendlichkeit, Zeit ist Körper für Ewigkeit, beide unzulänglich wie alle Körper im Verhältnis zu ihrer Seele.

Kayssler, Besinnungen, 1921

Schlimm genug, dass heute die Menschen noch Kriege führen müssen. Wenn sie aber anfangen, den Krieg als solchen zu rechtfertigen und in Vertretung der Weltordnung als von höchsten Gesichtspunkten für die Gesundheit der Menschheit notwendig nachzuweisen, dann soll man sie auf den Mund schlagen.

Kayssler, Besinnungen, 1921