Friedrich Theodor von Vischer (1807–1887)

44 Sprüche Romantik

Die Wahrheit des Glaubens ist nicht, was er glaubt, sondern daß er glaubt.

Vischer, Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Gebrauche für Vorlesungen, 1846

Die Nacht Am Himmel ist gar dunkle Nacht; Die müden Augen zugemacht Hat längst ein jedes Menschenkind; Es wacht nur noch der rauhe Wind. Der jaget sonder Rast und Ruh Die Fensterläden auf und zu, Die Wetterfahne hin und her, Daß sie muß ächzen und stöhnen schwer. Doch sieh! aus jenem Fenster bricht In's Dunkel noch ein mattes Licht. Wer ist's wohl, der in tiefer Nacht Bei seiner Lampe einsam wacht? Ich schleiche dicht an's Fensterlein, Schau' durch die runde Scheib' hinein, Und einen Jüngling zart und schön Seh' ich an einem Bette stehn. Und wie ich nach dem Bette schau', Da schlummert eine kranke Frau. Er bückt sich über's Bett hinein, Es muß des Knaben Mutter sein. Vom Bette läßt er nicht den Blick, Er streicht das braune Haar zurück, Sacht' hält er ihr das Ohr zum Mund, Ob sie noch athme zu dieser Stund.

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Glaube Ich scheide, sprach der Knabe, Doch sei dir, liebe Maid, Herzinnige Treu geschworen In alle Ewigkeit. Nun er in fernen Landen Um blut'gen Lorbeer wirbt, Dem ungetreuen Manne Die Lieb' im Herzen stirbt. Doch immer, immer naget In seiner Brust der Wurm, Er hört die süße Stimme Durch Schlachtengraus und Sturm. Er sieht das klare Auge, Er schlafet oder wacht, Aufleuchtend, aufgeblättert In grabesschwarzer Nacht. Was frommt nur alle Reue? Ruft er in wildem Zorn, Es ist ja doch im Herzen Versiegt der Liebe Born, Das ausgebrannte Feuer, Kein Wille bringt's zurück, So muß ich denn zertreten All ihres Lebens Glück! Ermorden und zertreten ? Du unglückselig Weib! Doch eh' die Seel' ich morde, Mord' ich den zarten Leib. Er lenkt, wie sonst, die Tritte Nach seines Liebchens Haus, Sie streckt, wie sonst, die Arme Nach dem Geliebten aus. Liebst du mich denn noch immer Im tiefsten Herzensgrund? So ruft sie. Stumm und stille Küßt er den süßen Mund. Die Linke hat umschlungen Einst seines Lebens Lust, Die Rechte zuckt am Messer, Durchbohrt die treue Brust. Kind, es geschieht aus Liebe, Der bleiche Mörder spricht. Ich glaub' es, spricht sie leise, Das treue Auge bricht.

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Gefangen Als einst in jenes Laubdachs Dunkelhelle Voll Inbrunst meine Arme dich umschlangen, Als Haupt an Haupt und Wang' an Wange drangen, Du schlankes Reh, schwarzäugige Gazelle, Da traf ein Mücklein auf die holde Stelle, Und zwischen unsern angeschmiegten Wangen Hat es in irrem Taumel sich gefangen, Es surrt und zappelt, will entfliehen schnelle. Nicht wahr, du Schelm, das hat dir nicht geträumet, Es warte dein so wunderlich Verhängniß? So bleibe nur und werde nicht so bange! Ein wohnlich Häuslein ist dir eingeräumet, Gelinde Haft, anmuthiges Gefängniß, Das liebe Grübchen in der weichen Wange.

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Mädchens Abendgedanken Wer der Meine wohl wird werden? Ob mein Aug' ihn wohl schon sah? Wo er wandeln mag auf Erden? Ist er ferne oder nah'? Wird er schön von Angesichte Oder doch nicht häßlich sein? Krause Locken? Augen lichte? Groß von Wuchse oder klein? Stark von Gliedern oder schmächtig? Ob er leicht im Tanz sich schwenkt? Ob er nüchtern, streng, bedächtig, Oder recht romantisch denkt? Oberamtmann oder Richter Voller Ernst und Gravität? Ist er Künstler, oder Dichter? Ob er auch Musik versteht? Ein Gelehrter, reich an Wissen, Der studiert und Bücher schreibt, Dem jedoch zu Scherz und Küssen Wenig Zeit nur übrig bleibt? Ist er wohl vom Handelstande? Ist' s ein Kriegsmann, keck und brav? Ist er Pfarrer auf dem Lande, Oder gar ein schöner Graf? Ist die Liebe denn recht innig, Die er dann im Herzen trägt, Da das meine ja so minnig Jetzt schon ihm entgegenschlägt? Sagt mir's, holde Blütendüfte, Die ihr weht in's Kämmerlein, Sagt mir's, leise Abendlüfte, Sag' mir's, sanfter Mondenschein! Sagt mir's, Elfen, kleine, lose, Die ihr lauscht und lacht und nickt, Sag' mir's, süße, rothe Rose, Die mir in das Fenster blickt! Saget mir's, ihr klugen Sterne, Die heraus am Himmel zieh'n! Triebe schwellen in die Ferne, Und sie wissen nicht, wohin? Liebesarme stehen offen, Ach, wen sollen sie empfah'n? Lippen, die auf Küsse hoffen, Ach, wer wird zum Kusse nah'n? Oder soll ich lieber sagen, Lieblich sei's, so blind zu sein? Dieses Klagen, dieses Fragen Sei uns Mädchen süße Pein? Träume können sel'ger spielen Kindern gleich im leeren Haus, Wenn nach unbekannten Zielen Holde Wünsche ziehen aus? Freudig Bangen! Bange Freude! Ungewisser, finde mich! Leid in Lust und Lust im Leide! Künftiger, ich liebe dich!

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Dank für Rat »Den Kuß und dann die Kralle, So sind sie alle. Die Kralle, dann den Kuß, Macht ihnen nicht Verdruß.« – »Nimm's nicht so schwer! Laß ruhn! Sie wissen nicht, was sie tun. Oder geh fort! Geh, wandere! 's gibt andere, Nicht alle sind Katzen Und kratzen, Bist eben zu lang geblieben; Man muß mit gepacktem Koffer lieben. Was ist der Koffer? Es ist dein Geist, Der dich immer gefaßt sein heißt. In die Liebe zumeist darf nur sich wagen, Wer auch enden kann und entsagen.« – »Dank für den Rat, den mir die Weisheit spricht; Er lautet: liebe, aber lieb' auch nicht.«

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Man muß mit gepacktem Koffer lieben.

Vischer, Lyrische Gänge, 1886. Aus dem Gedicht: Dank für Rat

In die Liebe zumeist darf nur sich wagen, Wer auch enden kann und entsagen.

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Den Kuß und dann die Kralle. So sind sie alle.

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900. Aus dem Gedicht: Dank für Rat

In der Liebe, meint man ja, gelte nur ein Gesetz: unendlich gut sein!

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900

Selbst in der Liebe darfst du dich nie gehen lassen. Das liebreichste Weib möchte dich beherrschen. Nie ist Waffenstillstand.

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900

Es sei! Des Lebens volle Schalen Hab' ich geneigt an meinen Mund, Und auch des Lebens ganze Qualen Hab' ich geschmeckt bis auf den Grund.

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Drei gute Dinge sind: strenge Erziehung, heilsame Stöße des Schicksals und Durst nach Wahrheit. Man darf wohl fröhlich sein; drei Dinge sind schön: ein wohlgeratener Mann, eine wohlgetan hold Weib und der blaue lichte Himmel. Drei Dinge sind schöner: Gesang, edle Sitten und gutes Gespräch. Drei Dinge sind die schönsten: Erkenntnis, Tätigkeit und selbstlose Liebe. Drei Dinge sind klein: ein Floh, ein Zwerg und ein Mensch, der nicht sterben will den Tod des Ich. Drei Dinge sind häßlich: eine Kröte, die dumpfe Lust und die Angst vor dem Geistlicht.

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Das Leben ist eine Fußreise mit einem Dorn oder Nagel im Stiefel. Felsen, Berge, Schluchten, Flüsse, Löcher, Sonnenglut, Frost, Unwetter, Räuber, Feinde, Wunden, damit müssen wir kämpfen, das will bestanden sein, dazu haben wir die Willenskraft. Aber der Nagel im Stiefel: das ist die Zugabe, kommt außerdem und überdies dazu, und für den Nagel bleibt dem Manne, der mit den großen Übeln redlich ringt, keine Geduld übrig.

Vischer, Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft, 2 Bde., 1879

Vom Tode In der Jugend heiterem Morgenrot Denkt kein Mensch an Alter und Tod, Und dies mit allem Grund und Fug; Denn an den Tod soll man nicht denken. Im Alter kostet es Müh' genug, Die Gedanken von ihm abzulenken. Memento Mori: hohler Popanz! Motto für den Totentanz! Taugt nichts für Junge und nichts für Greise; Memento vivere sagt der Weise: Fülle dein Leben tüchtig aus – MitdemRat hält man richtig Haus.

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900

Das Leben ist schwer, das will Bedacht; Vor dir besonders nimm dich in acht!

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900

Lerne hoffen, ohne zu hoffen! Leider ein allzu schweres Stück; Wer's könnte, der hätte das Ziel getroffen: Glücklich zu sein auch ohne Glück. Dennoch ist's wahr und guter Rat, Wird er auch niemals ganz zur Tat. Leben ist Schuld, Da will's Geduld; Im Genuß entsagen, Leidend nicht klagen, Verzichtend wagen, Dem Schein nicht trauen, Doch freudig schauen, Schaffen und bauen! Versuch es, und kann es nicht ganz gelingen: Soviel du vermagst, es doch zu zwingen, Soviel ragst du aus Zeit und Schein Empor, in die Ewigkeit hinein.

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900

Das Leben der Menschen ist eine Fläche mit vielen farblosen breiten Stellen und vielen dunklen Flecken. Das sind die Tage, wo man nichts Bedeutendes tut oder erlebt, und die Tage des Übels.

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Wer aber lebt, muß es klar sich sagen: Durch dies Leben sich durchzuschlagen, Das will ein Stück Rohheit. Wohl dir, wenn du das hast erfahren Und kannst dir dennoch retten und wahren Der Seele Hoheit. In Seelen, die das Leben aushalten Und Mitleid üben und menschlich walten, Mit vereinten Waffen Wirken und schaffen Trotz Hohn und Spott, Das ist Gott.

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Die Menschen sind falsch, alle. Trau ihnen nicht!

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900

Weisheitszahn Der sogenannte Weisheitszahn, Zwar als der letzte kommt er an, Doch immer früh genug. Der Name scheint mir Trug. Der Weisheit kleine Portion, Wozu es bringt der Erdensohn, Sie wird mit Schmerzen erst geboren, Wenn wir schon manchen Zahn verloren.

Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900