Georg Heym (1887–1912)

11 Sprüche Realismus

Dir auf der Schulter flattert … An N. P. Dir auf der Schulter Flattert ein Schmetterling, Ein Frühlingslüftchen trug ihn her Aus einem dunkeln Wald. Das ist der Falter Glück, Der flog zu dir, Weil du aus Licht, Und Glück und Licht Geschwister sind.

Heym, Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe hg. von Karl Ludwig Schneider, Band 1, Lyrik, Verlag Heinrich Ellermann 1964

Eine Heimat wüßte ich uns beiden ... Eine Heimat wüßte ich uns beiden, Wo im Schoß der Nacht in Wolkenreichen Liegt des Mondes Stadt, in grünen Weiden Kleiner Inseln, wo die Herden streichen. In das gelbe Rund der Türme träten Wir zu zweit, zu ruhn, wo einsam leuchtet Noch ein Licht. Zu horchen auf den späten Gang der Nacht, wenn Tau die Wiesen feuchtet. Meine Hände wollten dann versinken In dem Haar dir, in die Kissen zögen Deinen Kopf sie, gäben mir zu trinken Ewigen Schlaf von Mundes Purpurbögen.

Heym, Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe hg. von Karl Ludwig Schneider, Band 1, Lyrik, Verlag Heinrich Ellermann 1964. Band 1, Lyrik

Sonnenwendtag Es war am Sommersonnwendtag, Dein braunes Haar im Nacken lag Wie Gold und schwere Seiden. Da nahmst du mir die feine Hand. Und hinter dir stob auf der Sand Des Feldwegs an den Weiden. Von allen Bäumen floß der Glanz. Dein Ritt war lauter Elfentanz Hin über rote Heiden. Und um mich duftete der Hag, Wie nur am Sommersonnwendtag, Ein Dank und Sichbescheiden.

Heym, G., Gedichte. Entstanden 1904, Erstdruck in: Der ewige Tag, 1911

Drohung ans Liebchen Ich liebe dich, du. Ich laß dir nicht Ruh Als bis du mir heut noch Dein Herzchen weist zu. Du nimm dich in acht, Denn eh du's gedacht, Was gilt's, hab ich heut noch Zum Kuß dich gebracht. Das Mäulchen nur spitz Und denk, das sei Witz. Das kümmert mich gar nichts. Ich küß wie der Blitz.

Heym, Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe hg. von Karl Ludwig Schneider, Band 1, Lyrik, Verlag Heinrich Ellermann 1964

Die Seiltänzer Sie gehen über den gespannten Seilen Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen. Und ihre Hände schweben über allen, Die flatternd in dem leeren Raum verweilen. Das Haus ist überall von tausend Köpfen, Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren Wo oben hoch die dünnen Seile knarren. Und Stille hört man langsam tröpfeln. Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren Und oben hoch im leeren Bäume springen. Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken Und ihre großen Drachenschirme schwingen, Und dünner Beifall klappert auf den Bänken.

Heym, Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe hg. von Karl Ludwig Schneider, Band 1, Lyrik, Verlag Heinrich Ellermann 1964. Oktober 1911

Weh dem, der sterben sah. Er trägt für immer Die weiße Blume bleiernen Entsetzens.

Heym, G., Gedichte. Aus: Was kommt ihr, weiße Falter, 1911

Im kurzen Abend... (Zweite Fassung) Im kurzen Abend - voll Wind ist die Stunde, Und die Röte so tief und winterlich klein. Unsere Hand, die sich zagend gefunden, Bald wird sie frieren, und einsam sein. Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten, Wenige erst, auseinandergerückt. Unsere Pfade sind dunkel, und Weiden breiten Ihre Schatten darauf, in Trauer gebückt. Schilf rauschet uns, und die Irrwische scheinen, Die wir ein dunkeles Schicksal erlost. Behüte dein Herz, dann wird es nicht weinen, Unter dem fallenden Jahr ohne Trost. Was dich schmerzet, ich sag es im Bösen. Und uns quälet ein fremdes Wort. Unsere Hände werden im Dunkel sich lösen, Und mein Herz wird sein, wie ein kahler Ort.

Heym, Dichtungen, München 1922. Der Himmel Trauerspiel. Gedichte aus dem Nachlass

[…] Wahrhaftig, gäbe es einen Gott, man müßte ihn an seinem Schlafrock auf das Schafott zerren für seine endlose Grausamkeit.

Heym, in: Georg Heym Lesebuch. Gedichte, Prosa, Träume, Tagebücher, hg. von Heinz Rölleke, Verlag C. H. Beck 1984. 17.8.1910

Der Krieg 1 Aufgestanden ist er, welcher lange schlief, Aufgestanden unten aus Gewölben tief. In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt, Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand. In den Abendlärm der Städte fällt es weit, Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit, Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis. Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß. In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht. Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht. In der Ferne wimmert ein Geläute dünn Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn. Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an. Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt, Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt. Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut, Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut. Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt, Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt. Über runder Mauern blauem Flammenschwall Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall. ›Über Toren, wo die Wächter liegen quer, Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.‹ In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein. Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt, Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Heym, G., Gedichte. Erstdruck in: Umbra vitae unter dem Titel: Der Krieg, Leipzig 1912

Nach der Schlacht In Maiensaaten liegen eng die Leichen, Im grünen Rain, auf Blumen, ihren Betten. Verlorne Waffen, Räder ohne Speichen, Und umgestürzt die eisernen Lafetten. Aus vielen Pfützen dampft des Blutes Rauch, Die schwarz und rot den braunen Feldweg decken. Und weißlich quillt der toten Pferde Bauch, Die ihre Beine in die Frühe strecken. Im kühlen Winde friert noch das Gewimmer Von Sterbenden, da in des Osten Tore Ein blasser Glanz erscheint, ein grüner Schimmer, Das dünne Band der flüchtigen Aurore.

Heym, G., Gedichte. Der ewige Tag, 1911

Ich bin stark, weil ich das Gegenteil der Charactereigenschaften, die ich habe, in Erscheinung treten lasse.

Heym, G., Tagebücher. Drittes Tagebuch. Originaltext