Georg Stammler (1872–1948)

13 Sprüche Realismus

Woher stammt Schönheit? – Aus Glück, lautet die Antwort, aus Harmonie des Wesens, aus Gesundheit. Eine Stimme spricht dazwischen: aus bezwungenem Leid.

Stammler, Du und Es. Vom Wesen und von der Gemeinschaft, 1917

Die dunkle Schwelle Du gingst in Sommerhelle im frohen Jugendkleid über die dunkle Schwelle mein Herz schrie vor lauter Leid. Nun über allen Landen rauschet der Frühling her, bin ich ganz still geworden: ich liebe dich nur noch mehr.

Stammler, Streit und Stille. Gedichte, 1939

Das Leben ist ein harter Kamerad, Es will die Hand, es will die Tat. Den Tapferen lohnt's, den Klugen irrt's, Je mehr du dich besinnst, je schwerer wird's. Was redest du, was grübelst du? Hier weht ein Schicksal her – pack zu!

Stammler, Kampf, Arbeit, Feier. Losungen und Werksprüche fürs junge Deutschland, 1939

Wer von uns kann doch sein Dasein verantworten! Es ist alles dunkel und schief, wenn man es vor den Richter stellt – und es ist alles klar und gerade vor der Liebe.

Stammler, Du und Es. Vom Wesen und von der Gemeinschaft, 1917

Es gibt Vieles, was das Leben reich, angenehm, stolz und ersprießlich macht. Aber es gibt nur Eines, was es groß machen kann: das ist die Größe dessen, der es führt.

Stammler, Worte an eine Schar, 3. erweiterte Auflage 1924 (EA: 1914)

Sich im Leben durchbringen, das kann jeder Schweinehund. Aber sich so durchbringen, daß man zugleich darinwird– hier liegt die Entscheidung.

Stammler, Im Herzschlag der Dinge. Deutsche Bekenntnisse, 1934

Ein stolzer Mensch sagt: Was scheint das Leben doch von mir zu halten, daß es mir solche Dinge zu tragen gibt! Wohlan, zeig ich ihm, daß ich es bin!

Stammler, Worte an eine Schar, 3. erweiterte Auflage 1924 (EA: 1914)

Das Leben wird in Ewigkeit entweder Chaos sein oder Schöpfung; Sklaverei oder Wagnis der Freiheit; Verzweiflungsschrei oder Tat aus dem Glauben. Es wird immer ein Gang sein am Abgrunde hin; alles Licht in ihm ist ein Trotzdem, eine Überwindung des Tods, ein Muß aus tiefster Seele, ein strömender, sonnenhaft geballter Wille, der durch die Nacht bricht und sich gegen die Nacht behauptet.

Merian (Hg.), Frei. 366 deutsche Gedanken und Gedichte, Verlag Gerhard Merian, Stuttgart-Degerloch, um 1929

Zur echten Freundschaft gehört Mut; und zwar auch deswegen Mut, weil es nicht bloß heißt, für den Freund einstehen, sondern ihn auch gegen sich selber vertreten.

Stammler, Kampf, Arbeit, Feier. Losungen und Werksprüche fürs junge Deutschland, 1939

›Man sollte‹ protestieren! ›Man sollte‹ verlangen! ›Man sollte‹ dies – und ›man sollte‹ das! ›Man sollte‹ ganz von vorn anfangen! – Liebe Herrn, wie wär der Spaß, Ich versteh ja nichts von den Sachen, Aber – wie wär's mit selber machen?

Merian (Hg.), Trotzdem. 366 deutsche Gedanken und Gedichte, Gerhard Merian, Stuttgart-Degerloch, um 1926

Wer einmal die Pein des Schicksals in sich überwunden hat, für den ist jede sonstige Pein nur »ein Fall«, über den es sich nicht erst verlohnt zu lamentieren. Er lächelt und wird gütig, so wie nur ein Sieger gütig zu sein vermag. – Wer noch klagenkann, der hat eigentlich über nichts zu klagen.

Stammler, Du und Es. Vom Wesen und von der Gemeinschaft, 1917

Wer über seine Ehe schwatzt, hat sie auch schon gebrochen.

Merian (Hg.), Innen. 366 Gedanken und Gedichte, Verlag Gerhard Merian, Stuttgart-Degerloch, um 1931

Der sittliche Adel eines Menschen bestimmt sich nicht zuletzt darnach, welche Waffen er im Streit auf alle Fälle unbenutzt läßt – auch dann, wenn sie sich ihm von selbst darbieten, ja aufdrängen.

Merian (Hg.), Trotzdem. 366 deutsche Gedanken und Gedichte, Gerhard Merian, Stuttgart-Degerloch, um 1926