Gottfried von Straßburg
Im Glücke ist ein wunderliches Walten! Viel besser magst du's finden, als behalten.
Im Glücke geht ein wunderliches Walten! Viel besser magst du's finden als behalten; Es wanket, eh man irgend es besorgt. Den es betrüben will, es gern bei Zeit bedenket, Und nimmt bei Zeitren gern zurück, was es geschenket; Den blendet's, der zu viel von ihm geborgt. Es hat schwache Stütze Das gläserne Glücke; Spiegelt sich's den Augen und scheint wunders nütze: Gerade dann bricht's leicht in kleine Stücke.
Wenn die Liebe mit unerfahrenen Kindern ihr Spiel zu spielen versteht, dann können wir an diesen Kindern Verstand und Klugheit finden.
Wem nie durch Liebe Leid geschah, dem ward auch Lieb' durch Lieb' nie nah; Leid kommt wohl ohne Lieb' allein, Lieb' kann nicht ohne Leiden sein.
Die fruchtbringende Liebe verschönt, wenn sie begonnen. Das ist der Same, den sie hat und kraft dessen sie nie vergehen wird.
Lieb ist selig allezeit, Ein Ringen so voll Seligkeit, Daß ohne ihre Lehre Nicht Tugend ist, noch Ehre.
Trifft Liebesnot auf Müßiggang, so verschlimmert sie sich.
Minne, der Welt Unseligkeit, Da reine Lust so flüchtig ist, Da du so wankelmütig bist Was minnt nur all die Welt an dir? Ich seh doch wohl, du lohnest ihr, So wie der Ungetreue tut. Dein Ende, das ist nie so gut, Wie du versprichst im Anbeginn: Da lockst du den betörten Sinn Mit kurzer Lust zu langem Leid. Mit schmeichlerischer Trüglichkeit, Die in so falscher Süße schwebt, Die trüget alles, was da lebt.
Wen nie die Liebe leiden ließ, dem schenkte Liebe niemals Glück.
Die Blindheit der Minnen Blendet auß' und innen.
Falsch nenn ich den vor aller Welt, Der sich dem Freunde freundlich stellt Und ihn als Feind im Herzen haßt; Das ist ein fürchterlicher Gast. Denn er trägt alle Stunde Den Honig im Munde Mit Gift, das aus dem Stachel quillt, Und wie vom Stich die Beule schwillt, So schafft der gift'ge Neid ergrimmt, Dem Freund, was er auch unternimmt, Nur Schaden, da man sich nicht wahrt, Ihm arglos alles offenbart.