Gustav Falke (1853–1916)

18 Sprüche Realismus

Die Zierliche Du Zierliche, Leichte, Wenn ich dich erreichte. Du Feine, Zarte, Warte nur, warte. Wenn ich dich fing'? Solche zierlichen Dinger Fasst man mit Daumen und Mittelfinger, Wie der Knabe den Schmetterling.

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Erinnerung In meinen Versen weint und lacht, Was mir mein Leben reich gemacht. Wie mir das stille Tröstung gibt: Ich habe dich so sehr geliebt. Auch du blickst wohl darauf zurück; Und wars dir auch kein großes Glück, Wars doch vielleicht, mags wenig sein, Ein Wegestreckchen Sonnenschein.

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Das Geisterschiff Alle Schiffer kamen wieder, Kay kam nicht. Auf die Erde warf Meike sich nieder, In den Sand das Gesicht. Sie weinte und rang die weißen Arme: Kay, komm, Kay! Sie flehte und fluchte, daß Gott erbarme: Kay, komm, Kay! Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle Nachts an den Strand, Da kam ihr toter Herzgeselle Und nahm sie bei der Hand. Sie fühlte es bis in die spitzen Zehen Und bis in ihr blondes Haar. Und Meike mußte mit ihm gehen Und segeln immerdar.

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Märchen In deiner lieben Nähe Bin ich so glücklich. Ich mein, Ich müßte wieder der wilde, Selige Knabe sein. Das macht deiner süßen Jugend Sonniger Frühlingshauch. Ich hab dich so lieb. Und draußen Blühen die Rosen ja auch. O Traum der goldenen Tage! Herz, es war einmal. Abendwolken wandern Über mein Jugendtal.

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Erwacht Wie selig hat mich's gemacht, daß unsere Wege sich trafen. Nun lieg ich in der Nacht und kann nicht schlafen. O, welche Liebe war in meinem Herzen verborgen und wartete Jahr für Jahr auf ihren Morgen. Da kam ihr Tag und Licht, und sie erwachte. Du, dein süßes Gesicht wie selig mich's machte!

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Ein Unterschied Das war einmal: ich liebe dich! wie Jugend wohl zu Jugend sagt, die sich in ihrem Überschwang an alle großen Worte wagt. Jetzt fragst auch du nicht: liebst du mich? du fragst nur schlicht: hast du mich lieb? und lächelst, daß nach Lust und Blust die reife Frucht am Stengel blieb. Ich hab dich lieb. Das klingt so süß und klingt so reif. Ein Sommerlaut, wenn rings der Blick im Vollbesitz auf segenschöne Felder schaut. Gib deine Hand, und keinen Kuß, mein Weib. Nur Blick in Blick. So. Gib. Und hör das Sommersegenswort, das reife Wort: ich hab dich lieb.

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Allgegenwärtig Wenn die Winde sacht Um dein Fenster gehn, Stimmen in der Nacht Von den Hügeln weh'n. Hoher Firnenkranz, Um den See gereiht, Seinen reinen Glanz Deinen Tagen leiht.

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Eine Liebe Blühst du meinen späten Tagen, Süße Liebe, noch einmal? Bäumen, die schon Früchte tragen, Lacht ein zweiter Frühlingsstrahl? Zwischen Blüten, zwischen Früchten, Hab ich nun die schwere Wahl, Möchte pflücken, möchte flüchten – Neue Liebe, neue Qual.

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Liebesspiele Die keuschen, weißen Anemonensterne, Fünf an der Zahl, wie deines Namens Zeichen, Fünfblättrig wieder jeder Stern – du lächelst? Ach, Liebe liebt zu deuten und zu gleichen. Heut sind es Töne, morgen winden Reime Den Kranz um dich und deinen lieben Namen, Und immer kränzen Garten, Feld und Wiese Dein liebes Bild mit einem neuen Rahmen. Was bleibt mir denn, als diese holden Spiele Der Phantasie? Herzblumen, dich zu schmücken. Wenn jede süße Hoffnung ihr genommen, Muß sich die Liebe in sich selbst beglücken.

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Der kluge Vogel Läuft ein Bach durch die Au, durch die grüne, grüne Au, steht ein Holderbusch dran, singt ein Vogel dann und wann: Kuckuck, kuckuck. Wollt wissen, ob mein Schatz, o mein lieber, lieber Schatz, einen andern geküßt; rief er schnell, als ob er's wüßt: Kuckuck, kuckuck, kuckuck, kuckuck; und ich lief und lief und lief, bis der Vogel nicht mehr rief.

Falke, Das Leben lebt, 1916

Strandidyll Auf dem Rücken im warmen Sand Nie ein schöneres Lager ich fand. Murmelnde, kichernde Wellen zu Füßen, Oben im Wind ein Lispeln und Grüßen Schwankender Halme und leises Gesumm Sammelnder Bienen, sonst Stille ringsum. Ja, ringsum! Nur selten, bald ferne, bald nahebei Ein Möwenschrei. Durch das halbgeöffnete Lid Blinzelt das Auge hinüber zum Ried. Blendendes, zitterndes Sonnengegleiße; Schmetterlingsspiele. Blaue und weiße Kinder der Stunde. Nun löst aus der Schar Sich ein bläulich geflügeltes Paar, Liebespaar! Das schaukelt und gaukelt und flügelt und giebt Sich sehr verliebt. Plötzlich, ei fällt denn der Himmel ein? Weitet sich, breitet sich bläulicher Schein. Lässt sich das zärtliche Pärchen nieder Frech mir gerad' auf die Augenlider? Aber schon merk' ich's am salzigen Geruch, Und schon fühl' ich's am derben Tuch, Schürzentuch, Und hör es am Lachen, die Grete, die Katz, Beschlich ihren Schatz. Seit an Seit und Hand in Hand, Schäferstündchen am stillen Strand. Schmeichelnder Wind und schäkernde Wellen; Faltergeschwirr im zitternden, hellen Sonnengeflirr überm Dünenhang; Irgendwoher ein verwehter Klang, Glockenklang, Und Hundegebell und das klägliche Muh Einer einsamen Kuh.

Falke, G., Gedichte. Mynheer der Tod, 1892

Wer im Leben eine große Aufgabe sieht, der wird stark über Schuld und Schicksal.

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Was will ich mehr! Noch halt mit beiden Händen ich Des Lebens schöne Schale fest, Noch trink und kann nicht enden ich Und denk nicht an den letzten Rest. »Doch einmal wird die Schale leer, Die letzte Neige schlürftest du.« So trank ich doch, was will ich mehr, Dem Tod ein volles Leben zu.

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Wir zwei Wir haben oft beim Wein gesessen Und öfter beim Grog. Beim Pfandverleiher lag indessen Der Sonntagsrock. Wir haben die lustigsten Mädelgeschichten Ausgetauscht, An Abenteuer und an Gedichten Uns weidlich berauscht. Wir haben, o je, von unsern Schulden Uns vorgeklagt, Vertranken dabei den letzten Gulden: Nur nicht verzagt! Wir haben uns immer zusammengefunden, Wars Wetter schlecht; Und waren die greulichen Wolken verschwunden, Dann erst recht. Wir sind zwei Kirschen an einem Stengel, Ein Zwiegesang, Ein Kanon, wie er von Bach bis Klengel Noch keinem gelang. Wir sind zwei Schelme. Wenn sie uns fangen, Philistergericht, Wir müssen an einem Galgen hangen, Sonst tun wirs nicht.

Falke, G., Gedichte

Ausbeute Bei Tagesanbruch singt das Herz und lacht: Heut wird dein Segen unter Dach gebracht. Der Abend kommt, zu sehen, was es sei: In hohler Hand ein Körnchen oder zwei.

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Der Alte Nun steh ich über Grat und Kluft in abendlichen Rosen, und höre durch die klare Luft das Leben tief vertosen. Ein Adler rauscht ins Tal hinab, wo meine Toten schlafen, was ich geliebt dort unten hab, weiß ich in sicherm Hafen. Und bin nun über Leid und Zeit und meinen Sternen näher, und schaue in die Ewigkeit, ein stillgemuter Späher. Durch eine selige Bläue schwimmt ein Nachen da herüber, naht, neigt den schwanken Bord, und nimmt sanft schaukelnd mich hinüber.

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Es kommt nicht auf den Stand an, worin man lebt, sondern auf die Grundeinstellung, von der aus man Gott und seine Gesetze als das Oberste und Endgültige empfindet.

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Der Schwächling schiebt die Verantwortung für alle Fehler und Vergehen auf seine Umgebung, aus der er hervorgegangen ist. Der Starke nimmt sie auf sich selbst.

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