Heinrich Seidel (1842–1906)

12 Sprüche Romantik

Erinnerung Wie war die schöne Sommernacht So dunkel, mild und warm, – Wie schrittest du so still und sacht Gelehnt auf meinen Arm. – Von Ferne klang, man hört' es kaum, Musik mit leisem Schall, Im blüthenduftgen Gartenraum Sang eine Nachtigall. Ein holdes schweigendes Verstehn War zwischen mir und dir, Ein selig Beieinandergehn, Und glücklich waren wir. Die schöne Zeit, sie liegt so weit – Verweht wie eitel Schaum. Sie liegt so weit die schöne Zeit Versunken wie ein Traum. Wie schrittest du so still und sacht Gelehnt auf meinen Arm – Wie war die schöne Sommernacht So dunkel, mild und warm. –

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An ein Mädchen Noch nicht mit ihren Feuergluten Hat dich die Liebe angeweht; Noch wallte nicht in wilden Fluten Dein Blut, das sanft die Pulse geht. Noch ist kein Hauch von dem genommen, Was ewig fehlt dem, der's verlor: Doch wird auch dir die Stunde kommen, Da hell die Flamme schlägt empor! Dann sein es nimmer jene wilde, Die keine Schranke brausend kennt! Die schönre soll es sein, die milde, Die auf dem Herd des Hauses brennt!

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Im Sommer O komm mit mir aus dem Gewühl der Menge, Aus Rauch und Qualm und tobendem Gedränge, Zum stillen Wald, Dort wo die Wipfel sanfte Grüße tauschen, Und aus der Zweige sanft bewegtem Rauschen Ein Liedchen schallt. Dort zu dem Quell, der durch die Felsen gleitet Und dann zum Teich die klaren Wasser breitet, Führ ich dich hin. In seinem Spiegel schau die stolzen Bäume Und weiße Wolken, die wie sanfte Träume Vorüberziehn. Dort laß uns lauschen auf der Quelle Tropfen Und auf der Spechte weit entferntes Klopfen, Mit uns allein. Dort wollen wir die laute Welt vergessen, An unsrem Herzschlag nur die Stunden messen Und glücklich sein!

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Mein Blick ruht gern auf dir Du Mädchenangesicht, Weil du so lieblich bist Und ahnst es nicht. Wie in der Frühlingsluft Das Veilchen Düfte haucht, Ist in der Anmut Duft Dein Tun gehaucht. Du lächelst freundlich mir Du meiner Seele Licht – Wie du so lieb mir bist – Du ahnst es nicht.

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Nimmer weiß ich, wie's gekommen, War es doch, als müßt' es sein, Daß mein Herz du hingenommen - Gar so heimlich schlich es ein. So wie Blumen still erblühen, Wie im Lenz ergrünt die Au, Wie nach heißen Tages Glühen Hold und labend sinkt der Tau. Nicht bestürmt mich wild Verlangen Glutenvoller Sehnsuchtsnacht! - Wie der Mond kam es gegangen In der stillen Sommernacht.

Seidel, Blätter im Winde. Gedichte, 1872

Das Verstehen ist das Beste in der Liebe.

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Nachklang Lang' schwebt ein Duft noch um die Stelle, Wo einst ein Wohlgeruch geruht – Lang woget noch des Meeres Welle Wenn sich gelegt des Windes Wut. Noch fühl ich um die Lippen schweben Den Hauch von deiner Küsse Glut! Noch will sich nicht zufrieden geben – Was du so wild bewegt – mein Blut!

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Grauer Himmel Grauer Himmel, trübe Tage, Keine Lust und keine Plage, Weder Sturm noch Sonnenglanz, Grauer Stunden dunkler Kranz. Wie ein Schiff auf stillem Meer Todt und traurig treibt umher, Wie ein Mühlrad ohne Bach Still verharr' ich Tag auf Tag. Manchmal muß es doch gewittern! Manchmal muß das Herz erzittern! Muß in Leid und Freud erheben! Wie so öd' ist sonst das Leben!

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Nur die Arbeit kann erretten, Nur die Arbeit sprengt die Ketten, Arbeit macht die Völker frei! Mensch, was dich auch immer quäle, Arbeit ist das Zauberwort, Arbeit ist des Glückes Seele, Arbeit ist des Friedens Hort! Deine Pulse schlagen schneller, Deine Blicke werden heller, Und dein Herz pocht munter fort.

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Die Hoffnung Ich zog mir Hoffnung, eine schöne Blume, Und hegte sie gleich einem Heiligthume, Versäumte nichts zu köstlichem Gedeihn Durch Licht und Luft und milden Sonnenschein. Sie wuchs empor in freudig grüner Fülle, Und Blatt um Blatt entrollend aus der Hülle, Trieb schwellend sie hervor in stolzer Kraft Aus ihrem Kern den schlanken Blüthenschaft. Und leise schwillt's in knospendem Verkünden, Von Tag zu Tag sich lieblicher zu ründen, Schön röthet sich der Knospen zartes Grün, In Freuden stand mein Herz: Bald soll sie blühn! Da kam zur Nacht, deß muß ich ewig klagen! Ein blinder Wurm, sie gierig zu zernagen! Nun ist es öde und ein Ort der Schmerzen, Was mir so lieblich war in meinem Herzen!

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Weltlauf Man denkt wohl hin und her: Manches könnt' besser sein – Dies zu leicht – das zu schwer – Gross oder klein. Manchmal zu still die Welt. Manchmal zu toll – Manchmal fehlt Gut und Geld – Nichts geht wie's soll: Durst und kein Tropfen Wein – Käs' und kein Brot – Zahnschmerz und Liebespein – Ueberdruss – Noth! Dieser wird wild darob, Strampelt und schreit; Wird wie ein Wüthrich grob – Schafft sich nur Leid. Jener, der winselt drum. Jammert und acht, Weint viele Thränen drum, Seufzt Tag und Nacht. Und die Welt, wie sie will, Geht ihren Lauf – Hält sie kein Toben still – Weinen nicht auf! Was man nicht ändern kann. Wie es auch zwickt – Der ist am Besten dran, Der sich drein schickt!

Seidel, Glockenspiel. Gesammelte Gedichte, 1889. II. Nachdenkliches und Beschauliches. Originaltext

Der Gedanke, alt zu werden, ist umzusetzen in die Worte: "Da wurden ihre Augen aufgetan!"

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