Heinrich von Kleist (1777–1811)

32 Sprüche Klassik

Das Glück kann nicht, wie ein mathematischer Lehrsatz bewiesen werden, es muß empfunden werden, wenn es da sein soll.

Kleist, H., Briefe. An Ulrike von Kleist, 12. November 1799

Die Begriffe von Glück sind so verschieden wie die Genüsse und Sinne, mit welchen sie genossen werden.

Kleist, H., Briefe. An Christian Ernst Martini, 18./19. März 1799

Also entbehren und genießen, das wäre die Regel des äußeren Glücks, und der Weg, gleich weit entfernt von Reichtum und Armut, von Überfluß und Mangel, von Schimmer und Dunkelheit, die beglückende Mittelstraße, die wir wandern wollen.

Kleist, Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden und ungestört – auch unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn zu genießen!, 1799

So übe ich mich unaufhörlich darin, das wahre Glück von allen äußeren Umständen zu trennen und es nur als Belohnung und Ermunterung an die Tugend zu knüpfen. Da erscheint es in schönerer Gestalt und auf sicherem Boden.

Kleist, H., Briefe. An Christian Ernst Martini, 18./19. März 1799

Ein jeder hat seine eigne Art, glücklich zu sein, und niemand darf verlangen, daß man es in der seinigen sein soll.

Kleist, H., Briefe. An Wilhelmine von Zenge, 10. Oktober 1801

Nicht aus des Herzens bloßem Wunsche keimt Des Glückes schöne Götterpflanze auf. Der Mensch soll mit der Mühe Pflugschar sich Des Schicksals harten Boden öffnen, soll Des Glückes Erntetag sich selbst bereiten Und Thaten in die off'nen Furchen streu'n, Er soll mit etwas den Genuß erkaufen, Wär's auch mit des Genusses Sehnsucht nur.

Kleist, H., Gedichte. An Wilhelmine

Ich nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwänglichen Genüsse, die in dem erfreulichen Anschauen der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen.

Kleist, H., Briefe. An Christian Ernst Martini

Kann man auch nur den Gedanken wagen, glücklich zu sein, wenn alles in Elend darnieder liegt?

Kleist, H., Briefe. An Marie von Kleist, Juni 1807

Was die Menschen also Glück und Unglück nennen, das sehn Sie wohl, mein Freund, ist es nicht immer; denn bei allen Begünstigungen des äußern Glückes haben wir Tränen in den Augen des erstem, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehen.

Kleist, Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden und ungestört – auch unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn zu genießen!, 1799

Auch der Olymp ist öde ohne Liebe.

Kleist, Amphitryon, 1807. 2. Akt, 5. Szene. Jupiter

Denn nicht durch Worte aber durch Handlungen zeigt sich wahre Treue und wahre Liebe.

Kleist, H., Briefe. An Wilhelmine von Zenge, Anfang 1800

Der Mann hat ein Amt, er strebt nach Reichtum und Ehre, das kostet ihm Zeit. Indessen würde ihm doch noch einige für die Liebe übrig bleiben. Aber er hat Freunde, er liebt Vergnügungen, das kostet ihm Zeit. Indessen würde ihm doch noch einige für die Liebe übrig bleiben. Aber wenn er in seinem Hause ist, so ist sein zerstreuter Geist außer demselben, und so bleiben nur ein paar Stunden übrig, in welchem er seinem Weibe ein paar karge Opfer bringt.

Kleist, H., Briefe. An Wilhelmine von Zenge, 27. Oktober 1801

Gerade auf diesem Lebenswege, wo du alles fahren läßt, was doch sonst die Menschen reizt, Ehre, Reichtum, Wohlleben, gerade auf diesem Wege wirst du um so gewisser etwas anderes finden, das doch mehr wert ist als das alles – Liebe. Denn wo es sonst noch andere Genüsse gibt, da teilt sich das Herz, aber wo es nichts gibt als Liebe, da öffnet sich ihr das ganze Wesen, da umfaßt es ihr ganzes Glück, da werden alle ihre unendlichen Genüsse erschöpft.

Kleist, H., Briefe. An Wilhelmine von Zenge, 13. November 1800

Mädchenrätsel Träumt er zur Erde, wen, Sagt mir, wen meint er? Schwillt ihm die Träne, was, Götter, was weint er? Bebt er, ihr Schwestern, was, Redet, erschrickt ihn? Jauchzt er, o Himmel, was Ist's, was beglückt ihn?

Kleist, H., Gedichte

So viele Erfahrungen hatten die Wahrheit in mir bestätigt, daß die Liebe immer unglaubliche Veränderungen in dem Menschen hervorbringt; ich habe schwache Jünglinge durch die Liebe stark werden sehen, rohe ganz weichherzig, unempfindliche ganz zärtlich…

Kleist, H., Briefe. An Wilhelmine von Zenge, am 11. Januar 1801

Und was ist des Strebens wert, wenn es die Liebe nicht ist?

Kleist, H., Briefe. An Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, am 4. August 1806

Das Leben, welches wir von unseren Eltern empfingen, ist ein heiliges Unterpfand, das wir unsern Kindern wieder mitteilen sollen. Das ist ein ewiges Gesetz der Natur, auf welches sich ihre Erhaltung gründet.

Kleist, H., Briefe. An Ulrike von Kleist, im Mai 1799

Das Leben ist viel wert, wenn man's verachtet.

Kleist, Die Familie Schroffenstein, entstanden 1802, Erstdruck 1803. 4. Akt, 5. Szene. Ottokar

Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfs, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch, durchsetzen; viel weniger in einer Schlacht.

Kleist, Von der Überlegung. Eine Paradoxe

Das Leben des Menschen ist, wie jeder Strom, bei seinem Urprunge am höchsten. Es fließt nur fort, indem es fällt – in das Meer müssen wir alle.

Kleist, H., Briefe. An Adolfine von Werdeck, 28. Juli 1801

Nur unsre äußern Schicksale interessieren die Menschen, die innern nur den Freund.

Kleist, H., Briefe. An Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801