Hermann Dechent (1850–1935)

7 Sprüche Realismus

Sonnenstrahlen Fällt ein Sonnenstrahl ins Zimmer, Pflegt ein Wunder zu geschehen. Stäublein leuchten auf im Schimmer, Die zuvor kein Mensch gesehen. Gleiche Wunder wirkt die Liebe, Ihre Macht kennt keine Grenzen. Wo da walten ihre Triebe, Fängt der Staub selbst an zu glänzen. Was zuvor kein Mensch beachtet, Was sich schüchtern barg im Dunkeln; Was die große Welt verachtet, Fängt nun an wie Gold zu funkeln.

Dechent, Was mich das Leben gelehrt, 1927

An das Leben Wieviel, o Leben, dank ich dir, Du Lehrer groß vor allen, Ob auch dein Rat nicht immer mir Im Augenblick gefallen. Du wiesest mir so manche Kunst, Die keine Meister lehren. Du zeigtest mir als eitel Dunst, Was viele heiß begehren. Nun bitt ich um das Eine dich. O woll mirs nicht versagen! Die letzte Kunst noch lehre mich: Mit heiterm Sinn entsagen!

Dechent, Was mich das Leben gelehrt, 1927

An einen berühmten Mann Dir ist so vieles gelungen, Wonach ich im Leben gestrebt; Du hat das Schicksal bezwungen, Vor dem so mancher erbebt. Mein Name ist lange verklungen, Wenn deiner in Ehren noch lebt. – Und doch hab' ich Bessres errungen: Ich habe ein Leben gelebt.

Dechent, Was mich das Leben gelehrt, 1927

Das letzte Wort behält trotz aller lauten Reden doch immer der schweigende Erfolg.

Dechent, Was mich das Leben gelehrt, 1927

Vater Spatz "Habt ihr meinen Sohn gehöret?" Ruft entzückt der Vater Spatz, "Nachtigallensang nur störet, Solch ein Lied das ist ein Schatz." Und so preist er wahnbetöret Als Genie den eigenen Fratz – Auf die eigene Sippe schwöret Mancher ganz wie Vater Spatz.

Dechent, Was mich das Leben gelehrt, 1927

Die Dankbarkeit ist eine Tugend, die vor empfangener Wohltat sich geräuschvoll ankündigt, um nach Erfüllung ihrer Wünsche meist geräuschlos zu verschwinden.

Dechent, Was mich das Leben gelehrt, 1927

Eineabgeklärte Seele bringt unserm Geschlechte mehr Segen als ein ganzes Dutzend aufgeklärter Köpfe.

Dechent, Was mich das Leben gelehrt, 1927