Hermann Stehr (1864–1940)

17 Sprüche Realismus

Und die Liebe? Gott, ja, die Liebe! Besteht sie ihrem Wesen nach nicht in der schrankenlosen Bereitwilligkeit, den Zustand des anderen zum eignen zu machen?

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Viertes Buch, 2. Kapitel

Aber das Schicksal gewährte ihr die schlimme Gunst, die erste Liebe des unentwickelten Herzens zu erfüllen.

Stehr, Das Abendrot. Novellen, 1916. Die Großmutter

[So ist es eine] Tatsache, daß die Liebe in der Sehnsucht nach Erfüllungen besteht, die unserem Wesen versagt sind [...].

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Ertes Buch, 2. Kapitel

Denn wirklich, wie ja in des Menschen Leben nie etwas Neues kommt, sondern nur neue Formen auftauchen, soviel sich auch ereignen mag, so schweifte das Sinnen des Sintlingers in jenen langen Monaten in Gegenden, durch die ihn sein Rausch getrieben hatte.

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Drittes Buch, 1. Kapitel

Und während ich lebe, lebe ich zugleich hier und wie hinter fernen Büschen ...

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Erstes Buch, 7. Kapitel

Es geschieht nicht alles wegen mir. Es tanzen keine Gestirne, es rauschen keine Bäume wegen mir. Ich muß mich selber ins Leben einfügen, selber den Weg suchen. Wie ich mich selber in das Leben vertiefe, so wird es sich mir weiten.

Kaergel (Hg.), Das Hermann Stehr-Buch. Eine Auswahl aus seinen weltanschaulichen Dichtungen und Gesprächen, 1927

Ich bin in jedem Augenblick der Wanderer, der über den eigenen Weg zu entscheiden hat.

Kaergel (Hg.), Das Hermann Stehr-Buch. Eine Auswahl aus seinen weltanschaulichen Dichtungen und Gesprächen, 1927

Und sterbe ich, so ist es nur, als ob ein Schlafender sich auf die andre Seite kehrt, der Vogel seinen Flug ändert, die Welle ihren Weg.

Stehr, Aus den Tagebüchern, in: Die Weltbühne, 1924

Wenn die Glocke des äußeren Schicksals klingt, wissen die meisten Menschen schon nicht mehr, daß und wann sie geläutet hat.

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Viertes Buch, 13. Kapitel

Du kannst dem Gott entrinnen nicht, der in dir deinen Weg bereitet.

Stehr, H., Gedichte

Eigentlich sollte niemand anders über sich sprechen, als durch sein Werk und seinen Tod. Denn wie ein Mensch stirbt, das beweist die Art seines Wesens noch restloser und eindeutiger als sein Werk.

Stehr, Das Stundenglas. Reden, Schriften, Tagebücher, 1936. Blätter aus meinem Leben (1921/35)

Laßt es euch nur inwendig gut gehen, so läuft das Auswendige von selber gut hinten nach.

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Drittes Buch, 5. Kapitel

Da sollte man mit seiner Seele verfahren wie jemand, der in seinem Hause einen Raum sucht, wo er am ungestörtesten ist. Denn alles könne die Seele ertragen, nur keinen Lärm. Sie ist still und geheimnisvoll wie das Lautlose, aus dem der Getreidehalm wächst und der Klee blüht. Die mit Gedonner laufen wie ein Pferd, kämen nie, niemals zu ihr.

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Drittes Buch, 3. Kapitel

Aber die Welt ohne Seele wäre wie ein Haufen Kehricht.

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Drittes Buch, 3. Kapitel

Die Menschenseele ist der Blick, mit welchem Gott sich selbst betrachtet.

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Das Leben der Seele reicht weiter als in Siriusfernen. Daher die vielen Widersprüche ihrer Ethik mit den Gesetzen der Natur auf der Erde, diesem kleinen Winkel des Alls.

Stehr, H., Tagebücher. 1907

So wuchs der Sintlingerhübel gleich einem Berge in die Luft hinauf, von dem zwanzig, dreißig Dörfer das Ahnen eines geheimnisvollen Lichtes auf der Welt erhielten, einem Licht, das in dem Menschen brennt, aus dem einen herrlich herausglüht, in dem andern hinter Schmutz und Trümmern verborgen bleibt, das gleichwohl niemand entbehrt.

Stehr, Der Heiligenhof, 2 Bde., 1918. Drittes Buch, 2. Kapitel