Das Märchen vom Glück Das Märchen vom Glück, das ich euch sag', Dauert gerad' einen Herzensschlag; Dürft drum mein Märchen nicht töricht schelten, So tief ihr's faßt, so tief wird's euch gelten! Und dies ist mein Märchen: Das echte Glück Bleibt nur gerad' einen Augenblick. Einmal hat's einer am Ärmel genommen Und hielt's gefangen in seinem Haus, Da hat es grau-graue Haare bekommen; Und wie das Glück graue Haare bekommen, Da sah es genau wie das Unglück aus … Mein Märchen, es dauert so lang' wie das Glück: Einen Herzensschlag; einen Augenblick.
Die Aehren Der Abend war selbst wie ein Wunder der Liebe, Sie gingen umschlungen und stumm vor Liebe Aus den Feldern dem träumenden Dorfe zu. Sie lehnte sich wärmer an ihn. Sie sagte, So still, als wenn der Abendwind klagte: "Im Korn, das war doch eine Sünde, du!" Er löst seine Hand und Wange von Wange: "Und nennst dus Sünde, daß ich dich umfange, So liebst du mich nicht und liebst mich nicht!" Da schaut sie empor zu dem Zornigen, Wilden Und sieht mit erschrockenen, hilflosen, milden Augen dem Liebsten ins Angesicht, Und lächelt in Tränen und löst die bleichen, Bebenden Lippen und sagt mit weichen Worten zum Liebsten: "Das sagst du mir?" Und schlingt den Arm um den trotzigen Knaben: "Daß wir das Korn so zerbrochen haben, Das war eine Sünde. Das sag' ich dir."
Wundernacht In den Strahlen des Monds, die zur Erde staunen, Ist mein Gärtchen ein herrlicher Garten geworden, Voll Blumen der seltensten Arten geworden, Die Märchen duften und Düfte raunen. Und mein blühender, glühender Goldregenstrauch Läßt zu des Pfades silbernen Kieseln, Wie ein Springbrunn, die Goldtropfen niederrieseln, Und die Tropfen verstäuben berauschenden Hauch. Und mir ist und ich kann mich nimmer besinnen; Will den Goldregen sacht auseinanderbiegen, Ob nicht eine Danae da mag liegen, Den mondweißen Leib an mich zu schmiegen; Und daß ich heut Nacht sie mir könnte gewinnen…
Alter Park In der Altstadt, die nur so heißt, – denn, wo einst Winkelgäßchen gekauert, dünstig vom Mittelalter umschauert, dehnen Zinshausstraßen sich dreist, – Eine Oase, die jedes Aug' preist: Uralte Bäume, ein Garten ummauert, haben Jahrhunderte überdauert bei der Kapelle zum heiligen Geist. Aus dem Rasen – fern Stadtlärm und Hast! ragen verstreut zu der Bäume Füßen schräge Steinplatten, grau und bemoost. Gern hält Liebe hier Abendrast; die fühlt hier dankbar des Lebens Grüßen, ahnt nicht, daß sie auf Friedhofsgrund kost.
Vorletzte Stunde Jede Stunde ist Tochter und Mutter zugleich Und macht uns arm, und macht uns reich. Und immer öffn' ich von neuem die Tür: "Tritt ein, du Stunde, was bringst du mir?" Sie schaut mich an: "Mich hab' ich gebracht; So hab' ich dein Leben reicher gemacht." – "Und ärmer!" schrei ich. Sie nickt und geht. Die Tochter schon auf der Schwelle steht. "Du, deine Mutter an mich vergaß! Bring du mir endlich" … Ernst fragt sie: "Was?" – "Das Leben!" fleh' ich. Da geht sie schon: "Vielleicht weiß meine Tochter davon." Und Kommen und Gehn und Kommen und Gehn, Kann kaum mehr an der Türe stehn, Und da schlurft noch eine Stunde herein, Und die wird nimmermehr Mutter sein…