Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)

81 Sprüche Realismus

Südliche Mondnacht Werden zu doppelter Lust nun doppelte Tage geboren? Ehe der eine versank, steigt schon der neue herauf! Herrlich in Salben und Glanz, gedächtnislos wie ein Halbgott, Deckt er mir Gärten und See zu mit erstarrendem Prunk. Und der vertrauliche Baum wird fremd, fremd funkelt der Springbrunn, Fremde und dunkle Gewalt drängt sich von außen in mich. Sind dies die Büsche, darin die bunten Gedanken genistet? Kaum mehr erkenn ich die Bank! Die ists? Die lauernde hier? Aber sie ists, denn im Netz der fleißigen, winzigen Spinne Hängt noch der schimmernde Punkt! Komm ich mir selber zurück? Als dein Brief heut kam – ich riß mit zu hastigen Fingern Ungeduldig ihn auf –, flogen die Teilchen hinweg Von dem zerrissenen Rand: sie sprühten wie Tropfen dem Trinker, Wenn er zum Springbrunn sich drängt, um den verdürsteten Mund! Ja, jetzt drängt sichs heran und kommt übers Wassers geschwommen, Hebt sich mit lieblichem Arm rings aus dem Dunkel zu mir: Wie ein Entzauberter atme ich nun, und erst recht nun verzaubert, Und in der starrenden Nacht halt ich den Schlüssel des Glücks!

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Das geliebte Wesen ist immer der Docht in der Liebesflamme.

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Eine Flaumfeder kann einen Kieselstein rundschleifen, sofern sie von der Hand der Liebe geführt wird.

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Liebe ist Vorwegnahme des Endes im Anfang, daher Sieg über das Vergehen, über die Zeit, also über den Tod.

Hofmannsthal, Andreas oder die Vereinigten, Fragment entstanden ab 1907, Erstdruck 1932 (posthum)

Die Liebe schneidet ins lebendige Fleisch.

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Die moderne Liebe ist schwache Melodie, überinstrumentiert.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Lied Die Liebste sprach: "Ich halt dich nicht, du hast mir nichts geschworen. Die Menschen soll man halten nicht, sind nicht zur Treu geboren. Ziehe deine Straßen hin, mein Freund, beschau dir Land um Land, in vielen Betten ruh dich aus viel Frauen nimm bei der Hand. Wo dir der Wein zu sauer ist, da trink du Malvasier, und wenn mein Mund dir süßer ist, so komm nur wieder zu mir!"

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Die beiden Sie trug den Becher in der Hand – Ihr Kinn und Mund glichen seinem Rand –, So leicht und sicher war ihr Gang, Kein Tropfen aus dem Becher sprang. So leicht und fest war seine Hand: Er ritt auf einem jungen Pferde, Und mit nachlässiger Gebärde Erzwang er, daß es zitternd stand. Jedoch, wenn er aus ihrer Hand Den leichten Becher nehmen sollte, So war es beiden allzu schwer: Denn beide bebten sie so sehr, Daß keine Hand die andre fand Und dunkler Wein am Boden rollte.

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Das kleine Stück Brot ... Das kleine Stück Brot Die Blume blaßrot Und die Decke von Deinem Bette Wenn ich die drei nur hätte. Hätt ich das Brot nur immer noch Davon Du lachend abgebissen So spürt ich auch den leisen Druck Von all den fortgeflogenen Küssen. Wär nicht die Blume ganz verfallen Hätt irgendwo ein Ding Bestand Müßt immer wie ein kleiner Vogel Dein Herz mir klopfen in der Hand. Und wäre nur die Decke mein Wie lieb und schläfrig, los vom Mieder Muß in ihr hingebreitet sein Die Ahnung Deiner kleinen Glieder. So hab ich keines von den dreien Und muß immer von neuem Und kann doch nicht enden Mit Lippen und Händen Dich anzurühren Um Dich zu spüren!

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Da ich weiß ... Da ich weiß, Du kommst mir wieder Machen mich die Wolken froh, Und am Georginenbeete Abendstille freut mich so! Fröhlich such ich mir den Schatten, Bis die Sonne fast versinkt. Nachts im kleinen dunkeln Tale Freut mich jedes Licht, das blinkt ... Ob ich einsam steig am Hügel, Horch ich doch an Deiner Türe. Steh ich hier in fremdem Garten, Du doch bist es, die ich spüre.

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Ich lösch das Licht Mit purpurner Hand, Streif ab die Welt Wie ein buntes Gewand Und tauch ins Dunkel Nackt und allein, Das tiefe Reich Wird mein, ich sein. Groß' Wunder huschen Durch Dickicht hin, Quelladern springen Im tiefsten Sinn, O spräng noch manche, Ich käm in' Kern, Ins Herz der Welt Allem nah, allem fern.

Hofmannsthal, H., Gedichte. 1893

Kleine Blumen ... Kleine Blumen, kleine Lieder, Heller Klang und bunte Pracht, Blumen, die ich nicht gezogen, Lieder, die ich nicht erdacht: – Und ich selber hätte nichts, Dir zu bringen, Dir zu danken, Sollte heute, heute schweigen? Ach, was mein war, die Gedanken, Sind ja längst, schon längst Dein Eigen.

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Sturmnacht Die Sturmnacht hat uns vermählt In Brausen und Toben und Bangen: Was unsre Seelen sich lange verhehlt, Da ist's uns aufgegangen. Ich las so tief in deinem Blick Beim Strahl vom Wetterleuchten: Ich las darin mein flammend Glück, In seinem Glanz, dem feuchten. Es warf der Wind dein duft'ges Haar Mir spielend um Stirn und Wangen, Es flüsterte lockend die Wellenschar Von heißem tiefem Verlangen. Die Lippen waren sich so nah, Ich hielt dich fest umschlungen; Mein Werben und dein stammelnd Ja, Die hat der Wind verschlungen ...

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Merkst du denn nicht, wie meine Lippen beben? Kannst du nicht lesen diese bleichen Züge, Nicht fühlen, daß mein Lächeln Qual und Lüge, Wenn meine Blicke forschend dich umschweben? Sehnst du dich nicht nach einem Hauch von Leben, Nach einem heißen Arm, dich fortzutragen Aus diesem Sumpf von öden, leeren Tagen, Um den die bleichen, irren Lichter weben? So las ich falsch in deinem Aug, dem tiefen? Kein heimlich Sehnen sah ich heiß dort funkeln? Es birgt zu deiner Seele keine Pforte Dein feuchter Blick? Die Wünsche, die dort schliefen, Wie stille Rosen in der Flut, der dunkeln, Sind, wie dein Plaudern: seellos ... Worte, Worte?

Hofmannsthal, H., Gedichte. Erstes überliefertes Gedicht, das Hofmannsthal als Gymnasiast unter dem Pseudonym »Loris Medikow« veröffentlichte, 1890

An eine Frau Die wahre Ernte aller Dinge bleibt Und blüht in hoher Luft wie lichte Zinken, Das andere war nur da um wegzusinken. Und irgendwie geheimnisvoll erträgt Es unser Geist nur immer auszuruhen Auf Gleitendem, wie die Meervögel tuen.

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Die klassische Musik der Liebe ist in Dur, die romantische in Moll.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Wenn Liebe einen ›Zweck‹ hat, transzendent gesprochen, so müßte es der sein, daß in ihrer Glut der beständig in innerste Teile auseinanderfallende Mensch zu einer Einheit geschmolzen wird.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Daß sie ihre eigene Kraft kennen, das ist das Hinreißende an den Liebenden.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Wie Liebe tiefe Kunde gibt! – Da wird an Dinge, dumpf geahnt, In ihren Küssen tief gemahnt ...

Hofmannsthal, H., Gedichte. Aus: Weltgeheimnis, Ausgabe 1924. Hier Erstdruck 1896

Man muß das Leben nicht schaler machen als es ist, und die Augen nicht wegwenden, um diese Binde nicht zu sehen, wo einmal eine Stirn mit ihr umwunden ist.

Hofmannsthal, H., Aufsätze. Sebastian Melmoth

Im Lichte leben, das ist's!

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