Nimmt man das Wort Liebe bloß in den Mund, so macht man sich schon einer gemeinen Trivialität schuldig. Es ist breitgewalkt wie ein Fladen und schmeckt nach Roman. Man schlüpft in andrer Leute Hemd. Im Gefühl ist es einzig, beispiellos, sonderbar, wunderbar, das nie dagewesene Abenteuer, der Traum der Träume; spricht man es aus, ists eine Vokabel aus dem Lesebuch. Aber wie sich verständigen, wenn es einem den Hals zuschnürt und einen so durchschüttert, daß man seine Tage wie ein Narr verbringt?
In dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und Zweck zu sein, bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement wird, gleichsam Schatten eines Körpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem Maße wächst die Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was man Realität und Erfahrung nennt.
Alles Unrecht und Leiden der Erde hat seinen Grund darin, daß Erfahrungen nicht übermittelt werden können. Höchstens mitgeteilt. Zwischen dem Zugemessenen und dem Unerträglichen liegt der ganze Weg der Erfahrung, den immer nur einer allein für sich gehen kann. So wie immer nur einer allein seinen Tod stirbt und keiner vom Tod etwas weiß.
Es hängt von der Breite des Schicksals ab, wieviel unvergeß- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterläßt.
Die Worte "Habt Mut zu euern Träumen", die ich euch hinüberrufe, als stünd' ich Aug in Aug mit euch und ihr hättet mir eure tiefste Not verraten, diese Worte beziehen sich ganz ausschließlich auf das innere Schicksal und das innere Gesetz. Der Seelenraum für jegliche Illusion, das heißt also, in meinem Sinn verstanden, für jede Traumerhöhung, ist in jedem Menschen unbedingt vorhanden; weder der Schwachsinnige noch der Tatbesessene bilden eine Ausnahme; viele haben ihn bloß noch nicht entdeckt, und wenn sie ihn entdeckt haben, haben sie nicht gewagt, ihn zu betreten; oder sie haben gleich wieder die Flucht ergriffen; oder sie haben das Gefühl, es sei ihrer nicht würdig, sich darin aufzuhalten, da es doch ihre gottgewollte Pflicht ist, Kurszettel zu lesen, Kaufverträge zu schließen, Petroleum zu bohren, Anleihen zu vermitteln, diplomatische Noten zu wechseln oder über die Rätsel der Nationalökonomie nachzudenken.
Die menschliche Seele, arm und reich, hat unendliche Fähigkeiten und Verwandlungen.
Das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einzelnen Person: Sein Charakter ist sein Schicksal.