Jeremias Gotthelf (1797–1854)

108 Sprüche Klassik

Der Lauf der Jahre ist der wahre Fortbildungskurs und Gott der Direktor, der ihn leitet.

Gotthelf, Hans Jakob und Heiri oder die beiden Seidenweber, 1851

Es ist des Alters schöne Weise, die noch übrigen Tage des Lebens in schön geordneter Folge, einen heller, klarer, ungetrübter als den andern, zu erwarten, in gleichem Maße wie das Inwendige geordneter wird, die Leidenschaften gezähmt, das Tun Frucht eines vernünftigen, freien Willens geworden, das Gemüt sich mit Gott und den Menschen versöhnt hat und nun in stiller, schöner Ruhe die Erfüllung der Verheißungen Gottes erwartet, den schönen Gottesfrieden, der über allen Verstand geht.

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Der Vater will es also, daß die Ohnmacht uns zur Demut bringt, die Demut zur Gnade in der Erkenntnis, daß der Vater auf dem schwersten Wege seine liebsten Kinder führt.

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Deswegen hat uns Gott der Zukunft Schoß verdunkelt, den Vorhang gezogen vor die Herzen der Menschen, daß wir lernen in echtem Heldensinn und hingebendem Vertrauen das Rechte tun, ohne nach dem Gelingen zu fragen, ohne die Anstrengung mit dem Kampf zu messen.

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Gott tut nichts, wozu er dem Menschen Mittel und Kräfte gegeben, es selbst zu tun.

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Aufrecht hat Gott den Menschen erschaffen, vorwärts, aufwärts soll er schauen: das scheidet ihn von der ganzen Tierwelt. Aufrecht muß man zu stellen wissen, wenn man versunkene Menschenkinder zu Gotteskindern machen will.

Gotthelf, Die Armennot – Ein Silvestertraum. Traktat, 1840/51. 7. Kapitel

Aber Gott will auch, daß der Mensch betrachte die vergangenen Zeiten; nicht als Eintagsfliege ohne Zukunft hat Gott den Menschen geschaffen, und wer die ihm geordnete Zukunft genießen will, muß sich dazu stärken an der Vergangenheit.

Gotthelf, Kurt von Koppigen. Erzählung, 1844/50

Gott schließt den Toten mit den Augen auch die Ohren, er weiß wohl warum.

Gotthelf, Uli der Pächter (auch: Ueli der Pächter), 1849

Das, was Gott zum Heil gibt, wird entheiligt zum Fluch.

Gotthelf, Zeitgeist und Berner Geist. Roman, 1851

Und merkwürdigerweise ist gerade die Gottlosigkeit am unduldsamsten, sobald sie das Recht erstritten hat, mit Frechheit offen sich zeigen zu dürfen. Sie will keine Gottesverehrung mehr dulden und verfolgt jede mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, legt euch Glaubens- und Gewissensfreiheit so aus, daß niemand mehr einen Glauben haben, niemand ein Gewissen zeigen solle. Wer fühlt nicht diese zur Macht strebende Gottlosigkeit und den Zwang, den sie bereits auszuüben beginnt?

Gotthelf, Uli der Knecht (Originaltitel: Wie Uli der Knecht glücklich wird. Eine Gabe für Dienstboten und Meisterleute), 1841. 14. Kapitel

Da oben ist ein anderer Ätti (Vater), strahlend in ewigem Lichte der allmächtigen Liebe; es ist der reiche Gott und die Sterne sind sein glänzend Kleid. Und den haben viele verloren aus den Augen, und sie wissen nicht, wo er ist; und doch haben sie keine Angst und behaglich wandern sie auf dem Lebensmarkte auf und ab, .... ja, gemahnt an ihn, erschrecken sie, und möchten die Reden von ihm für Träume ausgeben, für Träume schwindsüchtiger und mondsüchtiger Thoren.

Gotthelf, Leiden und Freuden eines Schulmeisters, 1838-39

Es gibt eine Tiefe im menschlichen Gemüte, die tiefer ist, als der Eimer reicht, mit dem die Philosophie ihre Weisheit schöpft.

Gotthelf, Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet und wie es ihm mit dem Doktern geht, 2 Bde., 1843/44

Den meisten Menschen ist an den eigenen Seelen nichts gelegen, darum auch an den Seelen der anderen nicht. Das ist ein Grundübel dieser Zeit.

Gotthelf, Uli der Knecht (Originaltitel: Wie Uli der Knecht glücklich wird. Eine Gabe für Dienstboten und Meisterleute), 1841

Ein vergiftet Gemüt saugt Gift aus den süßesten Blumen.

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Nur Quacksalber streichen auf jegliche Wunde gleich einen heilenden Balsam oder gar ein Heftpflaster; es gibt Wunden, die ausbluten, auseitern müssen, wenn sie gut heilen sollen. So ist's auch mit den Seelenwunden und Eiterbeulen.

Gotthelf, Leiden und Freuden eines Schulmeisters, 1838-39. Zweiter Teil, 2. Kapitel: Ach Gott! wenn die Liebe nicht wär, wie vernünftig man wär!

Es ist dem Sterblichen selten gegeben, einen Kampf recht auszukämpfen, wie hoch er seine Seele auch heben mag in göttlichen Stunden, hinunter auf die Erde muß sie wieder.

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Akkurat wie auf dem Feldacker geht es auf dem Seelenacker, die inwohnende Kraft will gebären, treiben, schaffen; liegt nun nichts Gutes da, welches die Kräfte anzieht und verbraucht, so schaffen die was Böses und lassen Unkraut lustig wachsen, Disteln und Dornen.

Gotthelf, Käthi, die Großmutter, oder: Der wahre Weg durch jede Not, 1847. 22. Kapitel: Die Emme bricht los, begräbt, was Käthi hoffte und hatte

Aus dem Kerne, den die Menschen verworfen, läßt Gott oft emporwachsen die edelste Frucht.

Keller (Hg.), Ein Gotthelf-Wort für jeden Tag. Ausgewählt und zusammengestellt von Helene Keller, Bern 1935

Das ist leider so, daß, wenn das Gemüt verstimmt ist, es alles unrecht auslegt und jede Berührung falsche Töne gibt.

Gotthelf, Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet und wie es ihm mit dem Doktern geht, 2 Bde., 1843/44

... Was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele? »Geld, Geld, reich, reich« hätte ihm [Christen] früher immer in den Ohren geklungen. ... In Zukunft sollte »Friede, Friede, fromm, fromm« in seinen Ohren sein. ...

Gotthelf, Geld und Geist oder Die Versöhnung, 1843/44

Es ist so herrlich, eine Seele sein nennen zu können, und doch können so viele Menschen sich nur über neue Kleider freuen.

Gotthelf, Leiden und Freuden eines Schulmeisters, 1838-39