Johann Gottfried von Herder (1744–1803)

102 Sprüche Aufklärung

Der langsame Pfeil. Drücke den Pfeil zu schnelle nicht ab, der nimmer zurückkehrt: Glück zu rauben, ist leicht; wiederzugeben, so schwer?

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Zweites Buch

Waren die Römer weiser und glücklicher, als es die Griechen waren? Und sind wir's mehr als beide?

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Dritter Teil. 15. Buch

Der Augenblick Warum denn währt des Lebens Glück Nur einen Augenblick? Die zarteste der Freuden Stirbt wie der Schmetterling, Der, hangend an der Blume, Verging, verging. Wir ahnen, wir genießen kaum Des Lebens kurzen Traum. Nur im unsel'gen Leiden Wird unser Herzeleid In einer bangen Stunde Zur Ewigkeit.

Herder, J. G., Gedichte

Langsam-kommendes Glück pflegt auch am längsten zu weilen.

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Drittes Buch. Aus: Langsames Glück

Innre Schätze beglücken. Dir im Innern Lieget Edelgestein und Gold; da grabe In den Grüften. Von außen suchst du ewig Ruhe vergebens.

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Lebensregeln an einen Jüngling

Verstand, o Mensch, und Wille sind die Waffen, Dein Glück zu schaffen.

Herder (Hg.), Adrastea (Zeitschrift), 1801-03/04 (11. und 12. Stück hg. durch seinen Sohn W. G. von Herder). Thomas Campanella. Stimme eines gefesselten Prometheus aus seiner Kaukasushöhle. Aus: Macht des Menschen

Nirgend auf Erden blühet die Rose der Glückseligkeit ohne Dornen; was aber aus diesen Dornen hervorgeht, ist allenthalben und unter allerlei Gestalten die zwar flüchtige, aber schöne Rose einer menschlichen Lebensfreude.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Zweiter Teil. 8. Buch. V. Die Glückseligkeit der Menschen ist allenthalben ein individuelles Gut, folglich allenthalben klimatisch und organisch, ein Kind der Übung, der Tradition und Gewohnheit

Langsames Glück. Langsam-kommendes Glück pflegt auch am längsten zu weilen; Schnelle Vortrefflichkeit stehet am ehesten still. Vögel, entschlüpfend dem Ei, sind was sie sollen von Anfang; Langsam wächset der Mensch, aber zum Herrscher der Welt.

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Drittes Buch

Denn dem Glück, geliebt zu werden, Gleicht kein ander Glück auf Erden.

Herder, Der Cid. Nach spanischen Romanzen, 1803/04 (posthum). Geschichte Cids, Grafen von Bivar, unter König Don Sancho

Die zarten Bande, die das Weltall halten, De ewig-junge rege Sympathie, Die Himmelsgluth, in der die Wesen brennen, Wie willst Du anders sie als Liebe nennen?

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Parthenope

Liebe, Du der Menschen göttlichster Verstand, Die des Unglücks Stürme siegend überwand, Die im Unglück fester Herz an Herzen band, Knüpfe Seel' an Seele, knüpfe Hand in Hand!

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Die Erfinderin der Künste

Liebe ist das edelste Erkennen, wie die edelste Empfindung.

Herder, Übers Erkennen und Empfinden in der menschlichen Seele (alternativer Titel: Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele), entstanden 1774, Erstdruck 1778 (anonym)

Liebe ist unser Königreich aus dem Paradiese; worüber wir mit Liebe herrschen, das ist gewiß unser. Je weiter wir also dieses verbreiten, und je enger zugleich es an uns ziehen können, desto weiser und glücklicher sind wir, in den rechten Schranken des menschlichen Lebens.

Herder (Hg.), Salomons Lieder der Liebe. Die ältesten und schönsten aus Morgenlande, 1778. II. Über den Inhalt, die Art und den Zweck dieses Buchs in der Bibel

Aber auch der tiefsten Liebe Wurzel stirbt im Herzen, wenn man sie nicht pflegt.

Anonym, Frauen-Brevier für Haus und Welt. Eine Auswahl der besten Stellen aus namhaften Schriftstellern über Frauenleben und Frauenbildung, 2. vermehrte Auflage 1864 (EA: 1859)

Wir leben in der Zeit; folglich müssen wir auch mit ihr und für sie leben und leben lernen.

Herder, Sophron. Gesammelte Schulreden, 1810 (posthum). Vom Fortschreiten einer Schule mit dem Zeitalter, 1798

Ein Traum Ein Traum, ein Traum ist unser Leben Auf Erden hier. Wie Schatten auf den Wogen schweben Und schwinden wir, Und messen unsre trägen Tritte Nach Raum und Zeit: Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte Der Ewigkeit.

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Amor und Psyche. Auf einem Grabmal, 1796

Schneller Gang ist unser Leben; Laßt uns Rosen auf ihn streun!

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Lied des Lebens

Wohl ihm, der bis auf die Neige Rein gelebt sein Leben hat!

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Lied des Lebens

Lied des Lebens Flüchtiger als Wind und Welle Flieht die Zeit; was hält sie auf? Sie genießen auf der Stelle, Sie ergreifen schnell im Lauf, Das, Ihr Brüder, hält ihr Schweben, Hält die Flucht der Tage ein. Schneller Gang ist unser Leben; Laßt uns Rosen auf ihn streun! Rosen, denn die Tage sinken In des Winters Nebelmeer; Rosen, denn sie blühn und blinken Links und rechts noch um uns her. Rosen stehn auf jedem Zweige Jeder schönen Jugendthat. Wohl ihm, der bis auf die Neige Rein gelebt sein Leben hat! Tage, werdet uns zum Kranze, Der des Greises Schläf' umzieht Und um sie in frischem Glanze Wie ein Traum der Jugend blüht. Auch die dunkeln Blumen kühlen Uns mit Ruhe, doppelt süß; Und die lauen Lüfte spielen Freundlich uns ins Paradies.

Herder, J. G., Gedichte

Der Strom des Lebens Fließe, des Lebens Strom! Du gehst in Wellen vorüber, Wo mit wechselnder Höh eine die andre begräbt. Mühe folget der Mühe; doch kenn' ich süßere Freuden Als besiegte Gefahr oder vollendete Müh? Leben ist Lebens Lohn, Gefühl sein ewiger Kampfpreis. Fließe, wogiger Strom! nirgend ein stehender Sumpf.

Herder, J. G., Gedichte

Jedes Lebendige freuet sich seines Lebens; es fragt und grübelt nicht, wozu es da sei; sein Dasein ist ihm Zweck, und sein Zweck das Dasein.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Zweiter Teil. 8. Buch. V. Die Glückseligkeit der Menschen ist allenthalben ein individuelles Gut, folglich allenthalben klimatisch und organisch, ein Kind der Übung, der Tradition und Gewohnheit