Mariechen Mariechen saß am Rocken, Im Grase schlummert' ihr Kind; Durch ihre schwarzen Locken Weht' kühl der Abendwind. Sie saß so sinnend, so traurig, So ernst und geisterbleich; Dunkle Wolken zogen schaurig, Und Wellen schlug der Teich. Der Reiher kreist' über dem Rohre, Die Möwe streift' wild umher, Der Staub fegt' wirbelnd am Wege, Schon fielen die Tropfen schwer. Und schwer von Mariechen's Wangen Die heiße Thräne rinnt, Und weinend in ihre Arme Schließt sie ihr schlummernd Kind. Wie schläfst Du so ruhig und träumest, Du armer, verlaß'ner Wurm! Es donnert, die Tropfen fallen, Die Bäume schüttelt der Sturm! Dein Vater hat Dich vergessen, Dich und die Mutter Dein; Du bist, du armer Waise, Auf der weiten Erde allein! Dein Vater lebt lustig in Freuden; Gott laß' es ihm wohl ergeh'n; Er weiß nichts von uns Beyden, Will Dich und mich nicht seh'n! Und stürzt' ich, während Du schlummerst, Mit Dir in den tiefen See, Dann sind wir Beyde geborgen, Vorüber ist Gram und Weh! – Da öffnet das Kind die Augen, Blickt freundlich auf und lacht; Die Mutter schluchzt und preßt es An ihre Brust mit Macht! Nein, nein, wir wollen leben, Wir Beyde, Du und ich! Deinem Vater sey vergeben, Wie selig macht' er mich! –
Die Überraschte. Amor schlich in stiller Nacht In mein Haus verwogen, Wie ich morgens aufgewacht, War er eingezogen; Als ich zürnte, bat er sehr, Möcht' ihn nicht verjagen, Sprach, er käm' von weitem her, Würden uns vertragen; Hätt' ihm nur ganz kurze Zeit Herberg geben sollen, Sey zu Gegendienst bereit, Hat Zins zahlen wollen! Und nun ist er noch im Haus, Will noch länger bleiben, Sagt, er gehe nicht hinaus, Könn' ihn nicht vertreiben. Spricht, es sey nur Scherz von mir, Und fängt an zu lachen; Ihm gefalle das Quartier – Was kann ich da machen? Und zuletzt fing mit Gewalt Er mich an zu küssen; Ob ich schrie, ob ich ihn schalt – Hab' es leiden müssen! –
Ewige Leuchte "Bist noch immer nicht verglommen, Trübe Leuchte, stirbst noch nicht? All dein Öl ist dir genommen, Und es dämmert noch dein Licht?" "Liebe strahlt, ein ew'ger Schimmer, Flamme, die stets wächst, nie ruht; Braucht kein Öl und brennt doch immer, Braucht nicht Nahrung ihrer Glut, Und doch löscht ihr Feuer nimmer."
Beständigkeit im Wechsel Ein Pfeil nur, sagst du, kann verwunden Und wer berührt von ihm, den Strahl So recht in tiefster Brust empfunden, Der liebe nicht zum zweitenmal? – Seht ihr denn nicht, in jedem Lenze Erwacht ein ganzes Blumenreich, Und allwärts schmücken frische Kränze, Die Flur, die erst vom Winter bleich. Der Baum treibt seine Blätterwonne, Es glänzt das Laub, es schwillt die Frucht; Er hat des neuen Frühlings Sonne, Sie ihn mit gleicher Brunst gesucht. Drum schmäht nicht, wenn in holdem Triebe Das Herz sich fühlt erfrischt und neu; Wie die Natur blieb es der Liebe, Wenn auch nicht dem Geliebten treu! –
Spätes Erkennen Ach, wär' ich fern geblieben! Vom Sehen kommt das Lieben, Vom Lieben kommt der Schmerz: Mit ihm rastloses Sehnen, Mit ihm unzähl'ge Thränen, In Thränen bricht das Herz! Das Herz, gebrochen eben, Kann fürder nicht mehr leben, Muß sterbend bald vergehen. Bringt Liebe solche Noth, Und kommt die Lieb' vom Sehen, So bringt das Sehen Tod! Ach wär' ich fern geblieben
Was ist das Leben? Ein Verzweiflungssang, Ein einz'ger lauter tiefer Schmerzensklang.