Justinus Kerner (1786–1862)

12 Sprüche Klassik

Glück im Unglück Trifft ein Leid ein Herz voll Kummer, Wird das minder aufgeschreckt, Als wenn Leid aus seinem Schlummer Ein Herz, das in Lust ist, weckt. Da im Leben mich verlassen Schmerz kaum einen Augenblick, Kann ich mich, kommt neuer, fassen, – So ist Unglück oft ein Glück.

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Krank sein, es nicht dürfen klagen, Ist wohl eine schwere Pein; Lieben, es nicht dürfen sagen, Muss ein hartes Lieben sein!

Kerner, J., Gedichte. Aus: Liebesklage

Weiß nicht, woher ich bin gekommen, weiß nicht, wohin ich werd’ genommen. Doch weiß ich fest, daß ob mir ist eine Liebe, die mich nie vergißt.

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Wenn ein Liebes dir der Tod aus den Augen fortgerückt, such es nicht im Morgenrot, nicht im Stern, der abends blickt. Such es nirgends früh und spät, als im Herzen immerfort, was man so geliebet, geht nimmermehr aus diesem Ort.

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Der schönste Anblick Schön ist's, wenn zwei Sterne Nah sich stehn am Firmament; Schön, wenn zweier Rosen Röte ineinander brennt. Doch in Wahrheit! immer Ist's am schönsten anzusehn: Wie zwei, so sich lieben, Selig beieinander stehn.

Kerner, J., Gedichte. Die lyrischen Gedichte

An Sie im Alter Liegt dein Herz gedrückt an meines, Kann ich wahrlich niemals sagen: Sind's die Wellen meines, deines, Die in solcher Liebe schlagen? Wollte nur, ich könnte legen In dein Herz mein Herz, zu fühlen Schmerz und Lust in gleichen Schlägen, Gleiches Lieben, gleiches Zielen. Daß, wenn Frieden meines fände, Frieden dann auch fände deines, Daß, wenn deins im Tode stände, Dann auch ständ' im Tode meines.

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Wie dir, so mir Wie Dir geschah, so solls auch mir geschehn, nur wo Du hinkamst, will auch ich hingehn; Ich will ins Licht nur, wirst im Licht Du sein, bist Du in Nacht, so will ich in die Nacht, bist Du in Pein, so will ich in die Pein, Von Dir getrennt hab ich mich nie gedacht, zu Dir, zu Dir will ich allein, allein!

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An das Trinkglas eines verstorbenen Freundes Du herrlich Glas, nun stehst du leer, Glas, das er oft mit Lust gehoben; Die Spinne hat rings um dich her Indes den düstern Flor gewoben. Jetzt sollst du mir gefüllet sein Mondhell mit Gold der deutschen Reben! In deiner Tiefe heil'gen Schein Schau ich hinab mit frommem Beben. Was ich erschau' in deinem Grund Ist nicht Gewöhnlichen zu nennen. Doch wird mir klar zu dieser Stund', Wie nichts den Freund vom Freund kann trennen. Auf diesen Glauben, Glas so hold! Trink' ich dich aus mit hohem Mute. Klar spiegelt sich der Sterne Gold, Pokal, in deinem teuren Blute! Still geht der Mond das Tal entlang, Ernst tönt die mitternächt'ge Stunde. Leer steht das Glas, Der heil'ge Klang Tönt nach in dem kristallnen Grunde.

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Hoffe: daß durch Todesnacht Gott dich führt in Sonnen ein! Was er immer mit dir macht, du bist dein nicht, du bist sein.

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Wißt ihr, wo sind die Myriaden, Die waren, seit die Erde steht? Hat sie ein Gott zu sich geladen? Hat eine Windsbraut sie verweht? Ich kann nicht fordern noch ein Leben, Ein Paradies noch nach dem Tod. Was hab ich dieser Welt gegeben? Nichts gegen das, was sie mir bot. Ich kann nur stehn in stummer Wehmut Und, wenn mein Geist vom Leib sich trennt, Erwarten nur in tiefer Demut, Ob Gott ihn noch als Geist erkennt.

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Augentrost O laß es gern geschehen, Daß dir dein Auge blind! Was willst du denn noch sehen, Altes, betrognes Kind? Willst du den Lenz erzwingen Durch buntgefärbtes Glas? Soll dir noch Blumen bringen Das längst verwelkte Gras? Die lichten Regenbogen, Die Schlösser in der Luft, Alter! sind fortgezogen, Du siehst nur eis'gen Duft. Lenz, Sommer sind geschieden, Nur Winter siehest du. Alter! o schließ in Frieden Die müden Augen zu.

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Wer machte dich so krank? Daß du so krank geworden, Wer hat es denn gemacht? – Kein kühler Hauch aus Norden Und keine Sternennacht. Kein Schatten unter Bäumen, Nicht Glut des Sonnenstrahls, Kein Schlummer und kein Träumen Im Blütenbett des Tals. Kein Trunk vom Felsensteine, Kein Wein aus vollem Glas, Der Baumesfrüchte keine, Nicht Blume und nicht Gras. Daß ich trag' Todeswunden, Das ist der Menschen Tun; Natur ließ mich gesunden, Sie lassen mich nicht ruhn.

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