Karl Stieler (1842–1885)

10 Sprüche Romantik

Die Liebe lehrt im Finstern gehen, sie lehret an der Tür uns stehen, sie lehrt uns geben manche Zeichen, ihr süß Vergnügen zu erreichen. Sie lehrt auf Kunst-gemachten Lettern zur Liebsten Fenster ein zu klettern, die Liebe weiß ein Loch zu zeigen, in ein verriegelt Haus zu steigen. Sie kann uns unvermerket führen durch so viel wohlbewahrte Türen, den Tritt kann sie so leise lehren: die Mutter sollt auf Katzen schweren. Die Liebe lehrt den Atem hemmen, sie lehrt den Husten uns beklemmen, sie lehrt das Bette sacht aufheben, sie lehrt uns stille Küßchen geben. Dies lehrt und sonst viel mehr das Lieben. Doch willstu dich im Lieben üben: so muß die Faulheit stehn beiseite, die Lieb erfordert frische Leute. Wer lieben will und nichts nicht wagen, wer bei dem Lieben will verzagen: der lasse Lieben unterwegen. Der Braten fleugt uns nicht entgegen.

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Um Mitternacht Ein andrer hat das Weib errungen, Um das ich sang mit süßem Schall; Er ist der Held, der dich bezwungen, Doch ich bin deine Nachtigall! Und wenn ihr beide längst gefunden Den Schlummer, der mein Auge flieht, Singt immer noch in nächt'gen Stunden Die Nachtigall ihr altes Lied. Zühküt, zühküt – die süßen Grüße aus der vergangnen Liebeszeit; Und ihre Sehnsucht, o die süße, Ist reicher – als ihr beide seid!

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Abendgang Abendschatten füllt die Weite, Abendfriede füllt die Welt; Und ich zieh an deiner Seite Durch das kühle, grüne Feld. Wortlos und mit sachtem Schritte, Deingedenkend, wie du mein, Ohne Wunsch und ohne Bitte, Will ich ganz dein eigen sein. Wellen ziehn mit leisen Tönen, Vöglein ziehn mit leisem Flug, Und durch unser Herz zieht Sehnen, Haben wir nicht Glück genug? Jugendglück im reifern Innern, Liedertrost, der selig labt, Und im Alter dies Erinnern, Wie wir einst uns lieb gehabt?

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Ja, schau mich an! Ja, schau mich an mit deinen Blicken Voll tiefer, seelensüßer Glut Und trink' mir aus mit Spiel und Nicken – Mein ganzes Herz, mein letztes Blut! Ich kann dir nimmer widerstreben; Nimm mich dahin – ich bin ja dein! Nähr' deine Glut mit meinem Leben – Und in der Glut vergeht mein Sein!

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In den Sternen Einsam las ich oft da droben, Wenn das Sternheer stille kreiste, Und der eignen Lebensbahnen Dacht' ich dann im dunk'len Geiste. Vieles tat ich – aber eines Tat ich, was ich nie verschmerze: Daß ich deiner konnt' vergessen, Da mich lieb gehabt dein Herze. Daß ich's nicht erkennen wollte: Von den Qualen, von den bösen Geistern einer wilden Seele, Kann die Liebe nur erlösen ! Und doch strahlte mir dein Auge Wie ein letzter Strahl der Gnade – Also les' ich in den Sternen … Nun sind sternlos meine Pfade!

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Wie wundersam ... ! Wie wundersam ist dies Verlorengeh'n In Liebestiefen ohne Ziel und Schranken: Die ganze Welt mit lichten Augen seh'n, Im Sonnenschimmer klarer Freude geh'n, Eins sein in einem tiefen Glücksgedanken! Und wie im Leben auch die Stürme weh'n, Da ist kein Zagen und da ist kein Schwanken: Fest steht die Liebe, wie die Sterne steh'n – Wie wundersam ist dies Verlorengeh'n In Liebestiefen ohne Ziel und Schranken!

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Das ist wohl eine alte Lehr' Das ist wohl eine alte Lehr' Die kommt von langen Tagen her: Wer Minne will genießen, Muß Lust mit Leiden büßen. Und wer die Minne erst erstand, Der trug wohl vieles Leid ins Land, Daran die Herzen kranken Und das sie doch ihm danken. Denn hätt' ich niemals dich geseh'n Und müßt' an dir vorübergeh'n Und dürfte dich nicht lieben – Wie arm wär' ich geblieben.

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Heimliche Liebe Es ist genug der Hände Drücken Der Füße Tritt, der Augen Nicken, Wenn, Liebchen, wir bei Leuten sind. Hör' auf mit weitern Liebeswerken; Man will es fast zu deutlich merken, Daß wir uns lieben, gutes Kind. Sind wir dann insgeheim beisammen, So lüste frei die heißen Flammen; Bin ich doch, Närrchen, allzeit dein. Dann können wir uns satt ja küssen Und, was wir je zuweilen missen, Mit Wucher bringen wieder ein.

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Letzte Wonne Du kennst die letzte Wonne nicht, O Weib, und wirst sie nie ergründen: In deinen Augen glüht ein Licht, Das will nicht wärmen, will nur zünden! Wohl ist es süß, wenn ohne Laut, Wenn glutverzehrt von Qual und Hoffen, Ein Menschenaug' in deines schaut, Vom Blitzstrahl deines Blicks getroffen; Doch weißt du nicht, wie süß das ist: In jener Liebe sich ergeben, Die liebend ihrer selbst vergißt Und wähnt, ein Wunder zu erleben ! Die selig sich gestehen kann: Ich schmied' aus Schönheit keine Waffen; Es war kein Sieg, den ich gewann, Es war nur Glück, das ich geschaffen!

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Liebesnot Mir ist, als wär' mein Herz ein Quell, Doch eine Quelle ohne Spiegel, Und eine Blume ohne Duft, Ein Adler mit gebrochnem Flügel. Ich suche düster, was mir fehlt, Und fühl', daß ich mir selber fehle. Was nahmst du aus der Seele mir? Du nahmst sie selber mir, die Seele!

Stieler, Hochland-Lieder, 1879