Ludwig Börne (1786–1837)

53 Sprüche Klassik

Leichter ist eine Zeit zu schaffen als umzuschaffen, leichter sie umzuschaffen, als eine alternde zu verjüngen. Ist es etwas Erfreuliches, durch mühsame Heilkunst und lästige Lebensordnung ein hinfälliges Dasein zu fristen? Der denkende Baumeister hilft einem baufälligen Gebäude zu schneller Zerstörung, nur daß er es während dem Niederreißen stützt, damit herabfallende Balken nicht beschädigen.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [280]

Ehe eine Zeit aufbricht und weiterzieht, schickt sie immer fähige und vertraute Menschen voraus, ihr das neue Lager abzustechen. Ließe man diese Boten ihren Weg gehen, folgte man ihnen und beobachtete sie, erführe man bald, wo die Zeit hinaus will. Aber das tut man nicht. Man nennt jene Vorläufer Unruhestifter, Verführer, Schwärmer und hält sie mit Gewalt zurück. Aber die Zeit rückt doch weiter mit ihrem ganzen Trosse, und weil sie nichts bestellt und angeordnet findet, wohnt sie sich ein, wo es ihr beliebt, und nimmt und zerstört mehr, als sie gebraucht und verlangt.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [32]

Die Stunde ist die körperliche Hülle der Ewigkeit – es lieben sich ewig, die sich auch nureineStunde geliebt.

Börne, Der Roman, 1822/23

Die Hoffnungen guter Menschen sind Prophezeihungen, die Besorgnisse schlechter sind es auch.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [271]

So not tut es den lebenssüchtigen Menschen, sich eine Ewigkeit zu denken, daß sie, wenn ihnen die Brücke der Hoffnung verwehrt ist, auf der Brücke der Furcht hinübergehen.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [273]

Für Erfahrungen muß man teuer bezahlen, und trotzdem will niemand sie haben, wenn man sie verschenken möchte.

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Die Erfahrung gleicht einer unerbittlichen Schönen. Jahre gehen vorüber, bis du sie gewinnst, und ergibt sie sich endlich, seid ihr beide alt geworden, und ihr könnt euch nicht mehr brauchen.

Börne, Der Narr im weißen Schwan oder: Die deutschen Zeitungen (Fragment), 1829. 2. Kapitel

Nicht die Jahre, die Erfahrungen machen alt; darum wäre der Mensch das unglücklichste aller Geschöpfe, wenn er ein fleißiger Schüler der Erfahrung wäre. Daß jedes neue Geschlecht und jede neue Zeit von der Wiege ausgehe – das ist es, was die Menschheit in ewiger Jugend erhält.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [250]

Die Haushaltungsbücher der Erfahrung sind darum so schwer zu benutzen, weil die Geschichte nur die einzelnen Posten bemerkt, aber nie Summe und Transport zieht.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [153]

Manche Menschen haben bloß männliche, andere bloß weibliche Gedanken. Daher gibt es so viele Köpfe, die unfähig sind, Ideen hervorzubringen, weil man die Gedanken beider Geschlechter vereint besitzen muß, wenn eine idealische Geburt zustande kommen soll.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [30]

Jedem menschlichen Geiste sind schöne Gedanken und, weil mit jedem Menschen die Welt neu geschaffen wird, auch neue angeboren; aber das Leben und der Unterricht schreiben ihre unnützen Sachen darauf und bedecken sie.

Börne, Die Kunst, in drei Tagen ein Original-Schriftsteller zu werden, 1823

Aber das Vaterland der Gedanken ist das Herz; an dieser Quelle muß schöpfen, wer frisch trinken will.

Börne, Die Kunst, in drei Tagen ein Original-Schriftsteller zu werden, 1823

Wie man sagt: der Gedanke schafft den Ausdruck, kann man auch sagen: der Ausdruck schafft den Gedanken.

Börne, Bemerkungen über Sprache und Stil, 1826

Vernichtet die Religionen, und ihr habt die Religion zerstört.

Börne, O närrische Leute, O komische Welt!, 1819

Das Leben ist allen Tieren gemein, aber sterben kann nur der Mensch.

Börne, Werke. Historisch-kritische Ausgabe in zwölf Bänden, 1911-13. Aphorismen, 1810; Erstdruck in: Gedenkbuch zur vierten Jubelfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst, 1841

Wenn das Schicksal ruft: "Le jeu est fait, messieurs!" – so achten das die Wenigsten, erst wenn sie hören: "Rien ne va plus!" bekommen sie Lust, aber zu spät.

Börne, Der Narr im weißen Schwan oder: Die deutschen Zeitungen (Fragment), 1829. 2. Kapitel

Das Schicksal macht nie einen König matt, ehe es ihm Schach geboten.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [5]

Wenn zwischen Aufgang und Untergang, zwischen Quelle und Ausfluß, sich eine lange Zeit oder ein breiter Strom gelagert, und wir mit unsern schwachen Sinnen das feine Gespinst, das Ursache und Wirkung an einander bindet, übersehen; dann schreckt uns endlich am Ziele die täglich aber leise waltende Regel, als Schicksal mit Donnerworten auf.

Börne, L., Dramaturgische Blätter. Die Ahnfrau. Trauerspiel von Grillparzer, 1818

Auf der Weltbühne ist das Schicksal der Souffleur, der das Stück ruhig und leise abliest, ohne Gebärden, ohne Deklamation, und ganz unbekümmert, ob es ein Lustspiel oder ein Trauerspiel ist. Das Zappeln, das Schreien und übriges tun die Menschen hinzu.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [76]

Die Vorsehung ist auch weltklug und heult mit den Wölfen wie der schlaueste Mensch. Sobald aber ihr Wille reif geworden, wirft sie die Maske ab.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [29]

Um Kindern Moral in Beispielen zu lehren, dazu gebraucht man die Geschichte. Das heißt, ihnen Schwert und Lanze als Messer und Gabel in die Hände geben.

Börne, Aphorismen und Miszellen, 1828/32. [195]