Ludwig Hölty (1748–1776)

11 Sprüche Aufklärung

Die Liebe macht zum Goldpalast die Hütte, Streut auf die Wildnis Tanz und Spiel; Enthüllet uns der Gottheit leise Tritte, Gibt uns des Himmels Vorgefühl.

Hölty, L., Gedichte. Aus: Die Seligkeit der Liebenden, 1776

Wie dem Pilger der Quell silbern entgegenrinnt, Wie der Regen des Mays über die Blüthen träuft, Naht die Liebe; des Jünglings Seele zittert, und huldigt ihr!

Hölty, L., Gedichte. Aus: Die Liebe, entst. 1773, Erstdruck in: Musenalmanach 1774, Göttingen. Originaltext

Die Liebe Eine Schale des Harms, eine der Freuden wog Gott dem Menschengeschlecht; aber der lastende Kummer senket die Schale, Immer hebet die andre sich. Irren, traurigen Tritts wanken wir unsern Weg Durch das Leben hinab, bis sich die Liebe naht, Eine Fülle der Freuden In die steigende Schale geußt. Wie dem Pilger der Quell silbern entgegenrinnt, Wie der Regen des Mais über die Blumen träuft, Naht die Liebe; des Jünglings Seele zittert und huldigt ihr! Näm' er Kronen und Gold, mißte der Liebe? Gold Ist ihm fliegende Spreu, Kronen ein Flittertand, Alle Hoheit der Erde Flügelt Stunden an Stunden fort. Herrscher neideten ihn, kosteten sie des Glücks, Das dem Liebenden ward, würfen den Königsstab Aus den Händen und suchten Sich ein friedliches Hüttendach. Unter Rosengesträuch spielet ein Quell und mischt Zum begegnenden Bach Silber; so strömen flugs Seel' und Seele zusammen, Wann allmächtige Liebe naht.

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Die frühe Liebe Schon im bunten Knabenkleide Pflegten hübsche Mägdelein Meine liebste Augenweide, Mehr als Pupp' und Ball zu sein. Ich vergaß der Vogelnester, Warf mein Steckenpferd ins Gras, Wenn am Baum bei meiner Schwester Eine schöne Dirne saß. Freute mich der muntern Dirne, Ihres roten Wangenpaars, Ihres Mundes, ihrer Stirne, Ihres blonden Lockenhaars. Blickt auf Busentuch und Mieder, Hinterwärts gelehnt am Baum; Streckte dann ins Gras mich nieder, Dicht an ihres Kleides Saum. Was ich weiland tat als Knabe, Werd' ich wahrlich immer tun, Bis ich werd' im kühlen Grabe Neben meinen Vätern ruhn.

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Die Liebe Eine Schale des Harms, eine der Freuden wog Gott dem Menschengeschlecht; aber der lastende Kummer senket die Schale, Immer hebet die andre sich. Irren, traurigen Tritts wanken wir unsern Weg Durch das Leben hinab, bis sich die Liebe naht, Eine Fülle der Freuden In die steigende Schale streut. Wie dem Pilger der Quell silbern entgegenrinnt, Wie der Regen des Mays über die Blüthen träuft, Naht die Liebe; des Jünglings Seele zittert, und huldigt ihr! Nähm' er Kronen und Gold, mißte der Liebe? Gold Ist ihm fliegende Spreu; Kronen ein Flittertand; Alle Hoheit der Erde, Sonder herzliche Liebe, Staub. Loos der Engel! Kein Sturm düstert die Seelenruh Des Beglückten! Der Tag hüllt sich in lichters Blau, Kuß, und Flüstern und Lächeln Flügelt Stunden an Stunden fort. Herrscher neideten ihn, kosteten sie des Glücks, Das dem liebenden ward; würfen den Königsstab Aus den Händen, und suchten Sich ein friedliches Hüttendach. Unter Rosengesträuch spielet ein Quell, und mischt Dem begegnenden Bach Silber. So strömen flugs Seel' und Seele zusammen, Wenn allmächtige Liebe naht.

Hölty, L., Gedichte. Entstanden 1773, Erstdruck in: Musenalmanach 1774, Göttingen. Originaltext

Huldigung Euch, ihr Schönen, Will ich fröhnen Bis an meinen Tod, Mit Gesangesweisen Bis an meinen Tod Eure Tugend preisen. Ihr, o Guten, Wohlgemuthen, Macht das Leben süß, Macht den Mann zum Engel, Und zum Paradies Eine Welt voll Mängel. Wer die Süsse Treuer Küsse Nicht gekostet hat, Irret wie verloren Auf dem Lebenspfad, Ist noch ungeboren. Wer die Süsse Treuer Küsse Schon gekostet hat, Glänzt vom Himmelsscheine; Wo sein Fuß sich naht, Blühen Rosenhaine.

Hölty, L., Gedichte. Entstanden 1772. Originaltext

Rosen auf den Weg gestreut, Und des Harms vergeßen! Eine kleine Spanne Zeit Ward uns zugemeßen.

Hölty, L., Gedichte. Aus: Lebenspflichten, entstanden 1776, Erstdruck in: Musenalmanach für 1778, hg. von Johann Heinrich Voss. Originaltext

Der rechte Gebrauch des Lebens Wer hemmt den Flug der Stunden? Sie rauschen hin Wie Pfeile Gottes! Jeder Sekundenschlag Reißt uns dem Sterbebette näher, Näher dem eisernen Todesschlafe! Dir blüht kein Frühling, wenn du gestorben bist; Dir weht kein Schatten, tönet kein Becherklang; Dir lacht kein süßes Mädchenlächeln, Strömet kein Scherz von des Freundes Lippe! Noch rauscht der schwarze Flügel des Todes nicht! Drum hasch die Freuden, eh sie der Sturm verweht, Die Gott, wie Sonnenschein und Regen, Aus der vergeudenden Urne schüttet! Ein froher Abend, welchen der heitre Scherz Der Freundschaft flügelt, oder das Deckelglas; Ein Kuß auf deines Mädchens Wangen, Oder auf ihren gehobnen Busen; Ein Gang im Grünen, wann du, o Nachtigall, Dein süßes Maylied durch die Gesträuche tönst, Wägt jeden Kranz des Nachruhms nieder, Den sich der Held und der Weise wanden! Der Kuß, den mir die blühende Tochter giebt, Ist süßer, als die Küße der Enkelin, Die sie dem kalten Hügel opfert, Wo ich den eisernen Schlummer schlafe.

Hölty, L., Gedichte. Entstanden 1775

Jeder Sekundenschlag Reißt uns dem Sterbebette näher.

Hölty, L., Gedichte. Aus: Der rechte Gebrauch des Lebens, 1775

Auf Henriettens Geburtstag. Rosen und Nelkenblumen glänzet lichter, Wann das beste der Mädchen euch besuchet, Dank gen Himmel lächelt, und Wonnethränen Auf euch herabweint. Thränen des Danks, daß ihre Jugendtage Gleich dem Säuseln des Mayn vorüberflohen, Und den frohen Reigen ein neues ihrer Jahre begonnen. Schönstes der Mädchen! Spiel auf Veilchenauen, Tanz im Nachtigallwäldchen sey dein Leben, Gleich dem Lorbeer blühend, der deine finstre Locke beschattet. Rosen und Nelkenblumen glänzet lichter, Gleicht Elysiums Blumen, wann sie meiner Denkt, dann komm' ein Lüftchen, und flüstr' ihr tausend Seufzer entgegen.

Hölty, L., Gedichte. Originaltext

Üb immer Treu und Redlichkeit Üb immer Treu und Redlichkeit Bis an dein kühles Grab, Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab Dann wirst du wie auf grünen Au´n Durch´s Pilgerleben geh´n Dann kannst du sonder Furcht und Grau´n dem Tod ins Auge seh´n. Dann wird die Sichel und der Pflug In deiner Hand so leicht, Dann singest du beim Wasserkrug, Als wär dir Wein gereicht. Dem Bösewicht wird alles schwer, Er tue was er tu, Ihm gönnt der Tag nicht Freude mehr, Die Nacht ihm keine Ruh. Der schöne Frühling lacht ihm nicht, Ihm lacht kein Ährenfeld, Er ist auf Lug und Trug erpicht, Und wünscht sich nichts als Geld. Der Wind im Hain, das Laub im Baum Saust ihm Entsetzen zu, Er findet, nach des Lebens Raum Im Grabe keine Ruh. Dann muß er in der Geisterstund aus seinem Grabe gehn und oft als schwarzer Kettenhund vor seiner Haustür stehn Die Spinnerinnen, die, das Rad im Arm, nach Hause gehn erzittern wie ein Espenblatt wenn sie ihn liegen sehn Und jede Spinnestube spricht von diesem Abenteuer und wünscht den toten Bösewicht ins tiefste Höllenfeuer Der Amtmann, der die Bauern schund in Wein und Wollust floß trabt nachts, mit seinem Hühnerhund im Wald auf glühendem Roß Oft geht er auch am Knotenstock als rauher Brummbär um und meckert oft als Ziegenbock im ganzen Dorf herum Der Pfarrer, der aufs Tanzen schalt und Filz und Wucherer war steht nachts als schwarze Spukgestalt um zwölf Uhr am Altar Paukt dann mit dumpfigen Geschrei die Kanzel, daß es gellt und zählet in der Sakristei sein Beicht- und Opfergeld Drum übe Treu und Redlichkeit Bis an dein kühles Grab, Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab! Dann suchen Enkel deine Gruft Und weinen Tränen drauf, Und Sonnenblumen, voll von Duft, Blüh'n aus den Tränen auf.

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