Margarete Seemann (1893–1949)

24 Sprüche Moderne

Lieben und dafür sterben können, gehört genauso zusammen wie anzünden und verbrennen.

Seemann, Funken, 1940

Wer sagt: "Es braucht mich keiner", der lügt.

Seemann, Funken, 1940

Leg deine Hand in meine und spüre mich, die aus den Steinen wuchsen, die wissen sich, denen ist Sehen gegeben wie andern der Duft; und ein hämmerndes Hören, so einer ruft, den die Stürme umpeitschen, der im wehrenden Blatt den letzten rieselnden Tropf verschüttet hat. Deine Hände und meine sindeineHand! Lass und Berg und Baum sein und Strom und Land und weite offene Meere für jede Fracht; und einer vom Heer der Sterne um Mitternacht.

Seemann, Funken, 1940

"Ich liebe", sagte das Leid und lächelte, "ich leide", sagte die Liebe und grüßte; da wurden sie Schwestern auf ewig.

Seemann, Funken, 1940

Wenn man das Harte zu lieben versucht, fängt es an, schön zu werden.

Seemann, Funken, 1940

Der Schwätzer befiehlt mit Tinte; der Kenner und Könner aber schreibt mit seinem Leben das Leben hin.

Seemann, Funken, 1940

Nicht vom Zuschauen pulsiert das Leben, sondern vom Zupacken lebt es.

Seemann, Funken, 1940

Ein Turm muss viele Augen ertragen können und ein Weg viele Füße.

Seemann, Funken, 1940

Nicht dass wir leben, ist das Große, aber dass es in unserer Macht liegt, dieses Leben schön und stark zu leben, das ist es.

Seemann, Funken, 1940

Den ersten und den letzten Weg wird man dich tragen; doch alle, die dazwischen lagen, (durch Dürre, Not und Dorn und Stein) die müssen von dir selbst gegangen sein.

Seemann, Funken, 1940

Ich hab so viel Bitten – und weiß nicht, wie sagen, ich hab so viel Wünsche – und weiß nicht, wie wagen; ich hab so viel Schmerzen – und weiß nicht, wie tragen, ich suche so vieles – und weiß nicht, wie fragen ...

Seemann, Funken, 1940

Gib deinem Firmament auch eine Sonne: in deine Weisheit stell das Herz hinein!

Seemann, Funken, 1940

Wenn Menschendank Nahrung wär, müsste jede gute und große Tat verhungern.

Seemann, Funken, 1940

Wie warm könnte die Welt sein, wenn alles Danken heiß wär wie das Bitten!

Seemann, Funken, 1940

Gute Gedanken sind Wohltaten aus der Ferne.

Seemann, Funken, 1940

Sterben müssen ist Bitterkeit, sterben dürfen Süße.

Seemann, Funken, 1940

Wenn die Wahrheit einen Stein werfen muss, so soll sie es mit der Hand des Herzens tun.

Seemann, Funken, 1940

Es schafft die Not mit Hämmern, die Güte schafft mit Licht; es schaffen Not und Liebe der Seele Angesicht.

Seemann, Funken, 1940

Lassen wir doch unsere Seele schön sein! Es bedarf dazu eines einzigen: des Gehorsams gegen das Gewissen.

Seemann, Funken, 1940

Für den Wert des Menschen gibt es nur ein Maß: Charakter.

Seemann, Funken, 1940

Schönsein ist schön; das brauchst du selbst den Armen und Hässlichen gegenüber nicht zu leugnen; aber dass Gutsein mehr als Schönheit ist, sollst du den Mut haben, auch den Reichen und Schönen klar zu sagen.

Seemann, Funken, 1940