Maria Waser (1878–1939)

5 Sprüche Realismus

Man redet heute so viel von Liebe. Nachdem die Reiche dieser Welt in Hass untergegangen, sucht jeder nach dem verlorenen Kleinod, jeder jagt nach einer andern Seite, und was er findet, bringt er heim, laut verkündend, dass es das Wahre sei.

Waser, Wir Narren von gestern, 1922. Originaltext

Laß mich dir so erzählen, wie ich es heute vermag, Ereignisse, Menschen, Gespräche so wiedergeben, wie sie in mir lebendig sind, durch ein langes Leben nicht verwaschen, sondern … von allen entfernenden Nebeln erlöst. Laß mich dir das Vergangene als Wahrheit geben, meine Wahrheit, … und wenn diese Wahrheit der Wirklichkeit nicht immer entsprechen [sollte] …, so darf ich wohl sagen, daß meine Wahrheit auch Wirklichkeit ist, Wirklichkeit in einem höhern, aus der Kenntnis innerer Zusammenhänge geschöpften Verstand.

Waser, Wir Narren von gestern, 1922

Nicht Seelen erziehen, nicht göttlich Ewiges nach menschlich kurzen Gedanken modeln sollt ihr, sondern Seelen erkennen. Ihr Gefängnis ist so durchsichtig.

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Gradgewachsene Seelenkrüppel.

Waser, Wir Narren von gestern, 1922

Wo seid ihr nun, Städte, mühsam aufgeschichtet, Häuser, über gähnenden Gassen aufgetürmt, getürmte Kirchen, aufstarrend ins Blau, Paläste, Kuppeln, qualvoll emporgerissen? Und ihr, junge Menschen, gebäumte, aufstürmende Kinder, die leeren Hände steil emporgeworfen, emporgeworfen die heißen, vorzeitigen Gesichter, die schreienden Münder aufgewölbt, wo bist du, beraubte, entwurzelte Jugend mit der großen, rührenden Gebärde ins Leere hinein?

Waser, Wir Narren von gestern, 1922