Max Dauthendey (1867–1918)

28 Sprüche Realismus

Wer eine unglückliche Liebe in Alkohol ertränken will, handelt töricht. Denn Alkohol konserviert.

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Nur ein Herz, das in Liebe zu deinem Herzen hält, nimmt von dir die Dunkelheit der ganzen Welt.

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Daß Du weiße Haare hast – so viele, wie ich jetzt habe, das tut mir nicht weh, das liebe ich, daß die Zeit uns zeichnet und das Alter uns würdig macht, mein teurer Schatz. Ob du alt und verrunzelt bist, wie ein alter vertrockneter Nußknacker, das ist mir gleich, wenn nur Deine Seele nicht armselig unbedeutend wird. Sonst ist mir alles lieb, was die Zeit unserem Leben antun muß. Das ist mir heilig.

Dauthendey, M., Briefe. An seine Frau Anny

Ich liebe Dich zu allen Zeiten mit und ohne Haare. Man hat doch als sechsten Sinn den Liebessinn, der nicht hört und nicht sieht, der nur lieben kann dort, wo er liebt. Wie gern wäre ich neben Dir beim Griesbrei im Häuschen bei uns und bei Deinen weißen Haaren.

Dauthendey, M., Briefe. An seine Frau Anny

Du und ich Wunschlose Seligkeit Strömt deine Nähe über mich. Der Alltag wird zur Sonntagszeit, Unsterblich schlingt das Leben sich Um uns. Und Menschengöttlichkeit Fühl' ich bei dir durch dich. Was einst gewesen, weiß ich kaum. Die enge Welt wird weiter Raum. Und Holz wird Eisen, Eisen Holz Und Stolz wird Demut, Demut Stolz. Gar wunderbare Weisen Singt dann bei seinem Kreisen Mein Blut im Paradies für mich. Es haben alle Wünsche Ruh', – Ich weiß nicht mehr, wer bist dann du. Ich weiß nicht mehr, wer bin dann ich.

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Ein Herz, das in Liebe zu deinem Herzen hält Ein Stückchen sinkender Mond Schaut über den Ackerrand, Als vergräbt den Mond Eine unsichtbare Hand. Weit ins Land Hängt Stern bei Stern in der Luft, Und sie alle sinken bald Wie der Mond in die Ackergruft. Wo am Tage die Wege, Berge und Brücken winken, Hocken Laternen im Dunkel, Die wie kleine Spiegel blinken. Sie alle verlöschen Und brennen nur ihre Zeit, Dunkelheit aber steht hinter den Dingen Und läßt nichts erkennen, Als ein dunkles Kommen, Vorüberrennen und Dingebenennen. Und kein Tag Und kein Licht kann frommen; Nie wird die Dunkelheit Der Welt ganz fortgenommen. Nur ein Herz, Das in Liebe zu deinem Herzen hält, Nimmt von dir Die Dunkelheit der ganzen Welt.

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O Regen sag' du kommst so hoch daher, Ist droben auch der Tag spurlos und leer? Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer, Glaubst, du enteilst dem Leid und suchst Genuß? O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß: Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie Der Regen auf dem Fluß, — Die Liebe nur…

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Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen, Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein; Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen, Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen. Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein, Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen. Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein Und von Liebe und Sehnsucht niemals verlassen.

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Wenn wir lieben Wenn wir lieben, sind wir zeitlos, Liegen bei den tiefsten Feuern, Sehen dann von Ferne bloß, Daß die Lebensstunden sich erneuern. Werden wie die Gottheit groß, Fühlend in die Höhen, Tiefen, Breiten, Wissend alles, was vorüberfloß An den Quellen der Unendlichkeiten. Wissend, liebend jed' Geschehen, Mitgenießend alles, was die Welt genoß, Sehend, ohne mit dem Aug' zu sehen, Untergehend und bestehend Schoß im Schoß.

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Es hingen, wie duftende Hände von Frauen, Blaß die Akazienblüten im Blauen; Sie streuten uns süße Betäubung aus, Die Füße fanden nicht mehr nach Haus. Wir suchten im Gras nach tiefgrünen Ecken, Wollten berauscht das Auge verstecken; Kein Versteck war uns dunkel genug, Weil's Auge Feuer ins Dunkel trug. Es hingen an Gittern die Rosen wie Tropfen, Wie Herzen, die schmachtend an Gitter klopfen; Vor Rosen fanden wir kaum das Haus, Rosen brannten das Auge aus. Und wär' ich erblindet, wär' dies geschehen, Ich müßte immer und ewig dich sehen, Denn keine Blindheit macht dunkel genug, Weil ich im Auge wie Feuer dich trug.

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Die Liebe Ach, gibt es ein göttlicher Weh als die Liebe, Gibt es ein köstlicher Glück als ihr Leid, Streift sie auch nur mit dem Finger Dein Kleid Mitten im sinnlosen Straßengetriebe! Liebe fühlt fein, wie ein Nackter im Grase, Liebe im Aug' sieht den Winter noch grün, Macht auch den Waffenlosen todkühn Und trutzig Dein Herz zum Prellstein der Straße. Mehr als die Weisen kann Liebe begreifen, Liebe gibt tausend Glühlampen dem Geist, Liebe hat alle Sternbahnen bereist, Liebe ist rund um das Weltall ein Reifen. Mit dem Liebe gerungen, der nur ist Ringer, Wer um Liebe gelitten, der nur hat Ruhm, Wer die Liebe verschwiegen, der nur war stumm, Wer aus Liebe gesungen, der nur war Singer.

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Da die Nacht mit Laternen noch draußen stand, Der Schlaf und der Träume glitzernder Fächer Um Haus und Himmel ausgespannt, Da sang an mein Bett weit über die Dächer, Da sang vor der Stund', eh' mit bläulicher Hand Der Morgen sich unter den Sternen durchfand, Eine Amsel aus Finster und Fernen. Eh' noch den Laternen das Licht verflackt, Hat schon die Amsel die Sehnsucht gepackt. Sie sang, von Inbrunst aufgeweckt, Mit dem Herz, das ihr heiß in der Kehle steckt. Sie sang von Lieb', die sich aufgemacht Und durch die schlafenden Mauern lacht.

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Und bin der Ärmste von der Welt Ach, nur die Lieder unserer Stunden, Leg ich als den Entgelt dir hin Für deine Lieb', der täglich wieder Ich neue Lieder schuldig bin. Ich bin der Reichste von den Reichen, So lang es deinem Blut gefällt Und kann die Schuld doch nie begleichen, Und bin der Ärmste von der Welt, Wenn mal mein Tag kein Lied enthält.

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Die Schmetterlinge ziehen durch den Garten Wie Blumen, die von ihren Stengeln fliehen, Und Rosen, wie mein Herz erhitzt und schwer, Gaben im Duft die volle Seele her. Sie locken süß an allen heißen Wegen, Die Sonne aber trägt mein Feuer dir entgegen.

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Die schönen Frauen Sie sind so schön, die schönen Frauen, Wenn die Augen zitternd schauen Und der Sehnsucht gleitende Schlösser bauen. Doch nie sind sie schöner, die schönen Frauen, Als wenn die Augen sich schließen müssen, Und die dunklen Wangen zeigen: Seht, mich hielt der Geliebte in Küssen, Und sein Blut ist mein eigen.

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Ein Rudel kleiner Wolken Ein Rudel kleiner Wolken Schwimmt durch die Abendhelle, Wie graue Fische im Meere Durch eine blendende Welle. Und Mückenscharen spielen Im späten Winde rege, Sie tanzen zierliche Tänze Am warmen staubigen Wege. Und zwischen Wolken und Erde, Über die Bäume, die schlanken Zieh'n auf der Straße zum Monde Die uralten Liebesgedanken.

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Meine Haare fliegen, Bin auf hellen Winden, Bin auf Flügelfüßen In die Lüfte gestiegen. Und mein Haupt steht golden In den Abendwolken, Purpurn wanken die Dolden Meiner Liebesgedanken.

Dauthendey, M., Gedichte. 1897

Leben heißt Sehnsucht verehren.

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Leben heißt Sehnsucht verehren Über den leeren mächtigen Bäumen Hängen die schmächtigen Sterne, Umdrängen den Mond im Kreise. Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen, Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise. Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren, Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise. Leben heißt Sehnsucht verehren; Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

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Jeder Mensch baut sich durch seine Lebensweise seine Todesweise auf.

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Das Leben Von den Alten zu den Jungen Muss das Leben wandern. Was du gestern noch bezwungen, Bezwingen morgen schon die andern. Das Lied, das du gestern gepfiffen im Weitertraben, Will schon morgen der andern Lippen haben. Und dir entschwundene Augenblicke kannst du sehen, Wie sie im Blut der Jungen auferstehen. Darüber, seit ich's erfahre, muss ich die Hände falten, Muss leiden, dass ich mich wandle, und lass es walten. Das Leben – ach, einst da kam es umhalsend gesprungen, Jetzt grüßt es noch im Vorüberschweben und geht zu den Jungen.

Dauthendey, M., Gedichte. Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930