Max Kalbeck (1850–1921)

3 Sprüche Realismus

Am Wege Hinaus zum grünen Walde gingen zwei, Es war zur Morgenzeit im Monat Mai. Vor ihren Augen lag die Welt so schön: Im Duft die Täler und im Glanz die Höh'n. Und wo ihr leichter Schritt die Wiese trat, Da sproßten Blumen unter ihrem Pfad. Und wo ihr Blick ins Weite suchend ging, Da flog empor ein bunter Schmetterling. Und Drosselschlag und Sang der Nachtigall War ihrer jungen Herzen Widerhall. – An einem Busch, der licht in Rosen stand, Da faßten sie einander Hand bei Hand. Und wo der Wald entstieg dem weichen Grund, Da ruhten sie beisammen Mund an Mund. Sie haben nicht den alten Mann geschaut, Ihm waren Bart und Haare tief ergraut; Der saß am Wege lächelnd still und brach Zwei Rosen sich und sah den beiden nach.

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Zwei Gräber Sie liebten sich und mußten, ach, sich meiden! Im Traum nur durften sie einander sehen, Im Traume sich ihre Liebe eingestehen, Denn eine weite Kluft lag zwischen beiden. Da kam der stille Tod und machte Frieden, Mit milder Hand versöhnt' er ihre Leiden, Und während sonst im Tod die Menschen scheiden, Hat sie der Tod vereinigt noch hienieden. Sein Grab umklettern blüh'nde Rosenranken Sie sind vom Hügel sanft hinabgestiegen, Sich zärtlich an das Immergrün zu schmiegen, Das ihrem Grab entsprießt; die Blätter schwanken Und flüstern traulich leis' im Abendwinde – Man meint der Seelen Zwiegespräch zu hören, Kein böses Wort kann ihre Ruhe stören, Und beider Grab beschattet eine Linde.

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Ein Blick in deine Augen Ein Blick in deine Augen Ist wie ein Blick in's Meer hinaus: Die Tiefe ruht, darüber hin Geh'n Wellenschlag und Sturmgebraus. Ein Blick in deine Augen Ist wie ein Blick zum Himmelszelt: Das lächelt klar und still herab Auf die verworr'ne, trübe Welt. O Meer, in deiner Tiefe Laß mich versenken alles Leid! O Himmel, meiner Seele gib Den Abglanz deiner Heiterkeit!

Bern (Hg.), Deutsche Lyrik seit Goethe's Tode, 1878