Oskar Loerke (1884–1941)

2 Sprüche Realismus

Dämmerungen Wir leben in den zweien Dämmerungen, Die vor den Tag und vor die Nacht gewebt sind, Und unsre Gnaden sind daraus entsprungen Wie Sterne, die aus unserer Hand geschwebt sind. Auf Erden, die aus unsren Händen schweben, Füllt sich der Nil, der von uns nur gedacht ist. Die Mumienländer wird er dennoch grün beweben Bis an den Memnon, der auf unserer Morgenwacht ist.

Loerke, O., Gedichte. Erstmals ersch. in Fischers "Neuer Rundschau", Februar 1910

Zeitlied Ich bin betrübt, doch nicht genug. Da zankt die Welt zerrissen. Die Sterne fallen in den Schnee Der harten Bergeskissen. Der Dunst erstickt die Herde schnell, Der auffliegt aus dem Meere: Aus Bein und Blut und müdem Fleisch Ein Treiben in der Leere. Der Weisen magres Bild, erhöht, Zerschmettert mit den Säulen. Es kreuzt sich Angst- und Jammerzug, Die frischen Gruben heulen. Nun ist es spät, nun ist es schwer, Von Herzen traurig werden, Denn keine Säulen tragen mehr Die Traurigkeit auf Erden.

Loerke, Die heimliche Stadt, 1921