Otfried Krzyzanowski (1886–1918)

3 Sprüche Realismus

Frage Ist deine Liebe wie eine Herde von Wölfen! Lautlos rennt sie durch die endlose Steppe; Ihnen heißt der Himmel, der endlos grau Über den Wütigen hängt, ihr Hunger. Oder lauerst du auf Beute: Im Geröll als Natter verborgen? Wer bist du? Gib acht: eine flüchtige Katze Nimmt deine Seele mit sich.

Krzyzanowski, Unser täglich Gift. Gedichte, 1919

Mahnung Stille! Freund! Es lernt sich alles. Wer die Scham verlernt hat, ist Jeglichen Verbrechens fähig. Längst begehrt mein Herz: zu sehen Wie im Kampf der Feige kühn wird Und wie aus dem kältesten Grauen Jäh die Grausamkeit erwacht. Preist nicht den Gewinn der Arbeit! Ja: der Durst begehrt nach Säure! Wohl! Bedenk: Das Herz verlangt nicht Obst: es will gestohlene Früchte. Meide Worte, die uns rühren: Sie verführen, und im Herzen, Das Verführung schon gekostet Und verspürt hat, wacht die Tücke. Schweigt von Gott! Schweigt von der Plage! Glaubens Reden stört die Andacht, Stört die stille Scham des Mannes. Schweigt von Tugend und von Sünde. Darum still! Und müßt ihr reden, Sprecht in leichten lockern Worten, Die den Tänzer nicht beschweren, Nicht des Weines Licht verdunkeln.

Krzyzanowski, Unser täglich Gift. Gedichte, 1919

Abend II Was wünscht die Seele? Tod zu spenden oder Sich dem Abend preiszugeben, wie das Rohr Dem Wind die schwanken Rispen preisgibt: schlanke Rehe Schmiegen sie sich. Nieder auf sie Sinkt im Dämmern Furcht.

Krzyzanowski, Unser täglich Gift. Gedichte, 1919