Paul Keller (1873–1932)

20 Sprüche Realismus

Die Sehnsucht der Menschen geht immer aufs Wandern. Drüben, im andern Lande, über den Grenzen, die sie nicht überschreiten können, vermuten die Menschen Glück und Heil. Das alte Märchen vom König und Bauern wiederholt sich alle Tage: "Wo du nicht bist, da wohnt das Glück."

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Die Geschlechterliebe ist die, die am wenigsten Glück auf die Welt bringt. Eine Mutter hat jeder, einen Freund so mancher, eine Liebste selten einer.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Die Liebe ist der Hunger der Seele. Sie ist da, sie ist wirklich – wie der leibliche Hunger. Und sie schließt ein Bedürfen in sich, ohne dessen Befriedigung der Tod eintritt.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Das Leben sagt kein »gardez« an, wenn Gefahr im Verzuge ist.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Im Strom ist Leben, und wohl ist allen denen, die an der starken Lebensstraße wohnen. Der Strom führt Güter heran und Güter davon, und nur im Wechsel ist Glück. Die aber, die auf einsame Inseln flüchten, müssen versiegen wie Teiche, die ohne Zufluß sind.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Am Abend und am Morgen ist der Himmel rot. Am Abend und am Morgen ist die Luft kühler als am Tag, singen die Vögel heller, ist der Wald frischer. So auch in den Morgenstunden und in der Abendzeit des einen flüchtigen Tages, der das Menschenleben heißt. Abend und Morgen sind einander näher verwandt als dem Tage. Ihr Gemeinsames ist, daß der Mensch an seinem Morgen in sein Leben hineinwächst, das ihm noch fremd ist, und am Abend langsam einem anderen Leben sich naht, das er nicht kennt.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Wer das Leben nur in einem Licht sieht, wem der Wind immer nur aus derselben Richtung weht, soll nichts vom Leben erzählen, denn er kennt es nicht, sei er auch sonst ein Tausendsassa.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Das Leben ist mehr als ein ständiger Wechsel, das Leben ist eine Legierung aus Lust und Leid, von Schwarzem und Weißem, allerhand Farben und Mittelstufen. Nichts auf der Welt ist absolut ernst, nichts ist absolut lustig.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Der Humor hat seine bunte Schalksflagge und pflanzt sie oft neben ganz schweren Ereignissen auf. Über offenen Gräbern gaukeln Falter, in Grabesgesänge schallt Kinderlachen von der Straße. Aber auch der Ernst hat seine Flagge. Die dunkle Fahne mit den mystischen Zeichen unserer Verhängnisse.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Aus harter Kindheit, aus viel eigenem Leid, wenn der Mensch danach geartet ist, kann etwas Köstliches entsprießen; der wahre Humor, der wie das Edelweiß nicht in fettem Boden gedeiht, sondern zwischen rauhen Felsen.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Das größte Glück ist die Freude an einem gelungenen Werk, ein Abglanz des erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im Glanze von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Trost Erlosch einer Hoffnung Schimmer, Laß nur der Zeit ihren Lauf; Begrabene Hoffnung steht immer Als Weisheit wieder auf. Die führt dich auf schwerem Wege treulich ein gutes Stück, Jenseits vom Trauerstege Wartet ein neues Glück.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Hörst du, wie um unser Haus Geht der Wind? Wein' dir nicht die Augen aus, Liebes Kind! Wolke, Wind und Herzensgram Bald vergeht, Blauer Himmel wundersam Drüber steht. Weine, weine nicht so sehr! Längst hat Ruh' Eine, die – 's ist lange her – Litt wie du.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Das Weib sucht bei dem Manne, den es liebt, Schutz. Selbst wenn es keinen Schutz bräuchte, würde es solchen suchen, würde sich lieber absichtlich schwächer machen, als daß es der süßen Gabe entbehrte.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Alte Leute fragen nicht mehr; mit stillen Augen sehen sie die Herbstsonne. Was sie begehren, ist "noch ein schönes Bild", sonst nichts mehr. Ich glaube, sie sind leidloser als Jugend und Mannesalter, und Abend und Herbst sind nicht zu fürchten, weil sie voller Frieden sind. Was brennende Straße war, ist Rückschau von klarer, kühler Höhe geworden.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Die Wahrheit ist zu schwer für uns. Wir lügen oft, weil wir es gut meinen.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Wahr spricht, der das spricht, was er glaubt.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Es ist alles klein und winzig und so gleichgültig. Nur das, worauf die Seele hofft und wohin sie zieht, ist groß und ewig.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Die scheidende Seele geht am letzten Herbsttag immer zu ihrem Frühling zurück.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933

Man kann einen starken, edlen Charakter, so wie den Diamanten, oft an einem einzigen Strahle erkennen, der von ihm ausgeht, und das leuchtende Feuer läßt dem verständigen Auge dann keinen Zweifel mehr übrig.

Keller, P., Gedichte und Gedanken, 1933