Peter Altenberg (1859–1919)

22 Sprüche Realismus

Der Mann hat eine Liebe: die Welt. Die Frau hat eine Welt: die Liebe.

Internet

Dreierlei Menschen haben kein Geld: die Verschwender, die Armen und die Geizigen.

Altenberg, Fechsung, 1915

Die Liebe ist nichts anderes als ein Seiltanz von Amateuren ohne Balancierstange und Netz.

Internet

So mancher mag in deiner süßen Nähe begeistert sein – mich aber macht erst liebeskrank die Ferne!

Internet

Was kann er für sie thun?!? Was kann ich für Dich thun?!? Ich kann auf dem Spaziergang Deinen Mantel tragen – – – ich kann Dich, wie Du gestern schliefest, fragen – –. Ich kann, wenn man Dir widerspricht, mit meinem Blicke sagen: "Du hast Recht, nur Du!" Ich kann, wenn Du nicht da bist, bedrückt und kränklich sein – – – – ich kann vor Glück erbeben, trittst Du ein – –. Ich kann mein Opernglas Dir leihen im Theater und Komplimente über seine Tochter machen zu Deinem Vater. Ich kann Dir süße Mandarinen bringen und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen. Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruh'n: "Was kann ich für sie thun?!?"

Internet

Ich weinte über eine Stelle aus »Die Kreise« von Emerson. Ich weinte, dass er mir zuvorgekommen war, und ich weinte vor Ergriffenheiten. »Keine Liebe kann durch inneren Eid und innerste Zuversicht so gebunden werden, dass sie gegen eine höhere Liebe gefeit wäre! In der Natur ist jeder Augenblick neu, das Vergangene wird immer aufgebraucht zu neuen Bethätigungen und vergessen. Das Kommende nur ist heilig. Nichts, nichts ist sicher, ist wahrhaft, als der Übergang vom armseligen Gewesenen zum reichen Kommenden. Die Menschen möchten immer gesichert sein! Wehe den Gesicherten! Nur insoweit sie es nicht sind, ist einige Hoffnung vorhanden für sie – – Menschen zu werden!« Über diese Stelle in »Emerson« weinte ich. Ich weinte, dass er mir zuvorgekommen war, ich weinte vor Ergriffenheiten.

Altenberg, Wie ich es sehe (Skizzenband), 1896/1904. Emerson

Lieben wollenist das Bedürfnis latenterüberschüssigerKräfte unseres Organismus, in andere Organisationen auszuströmen.Geliebt werden wollenhingegen das Bedürfnismangelnderlatenter Kräfte, sich durch andere einströmende zu ergänzen.

Altenberg, Wie ich es sehe (Skizzenband), 1896/1904. Revolutionär (Studien-Reihe). Der Revolutionär hat sich eingesponnen

Liebesgedicht Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen – Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen – Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen, Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen. Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen, Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen. Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem Freunde sprechen, Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen Taktfehlers für ewig brechen – – –. Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen, Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen. Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen, Ich sah dich traurig steh'n vor trüben Gaslaternen. Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe – – – Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören. Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

Altenberg, Märchen des Lebens, 1908

Morgens die Sonne erwarten, abends die Nacht. Das ist alles.

Altenberg, Was der Tag mir zuträgt. Fünfundfünfzig neue Studien, 1901

"Ein jeder muß eben halt dochseinenWeg gehen", ist ein kompletter, frecher Blödsinn! Wie wenn man sagte: "Ein jeder Hundmußhalt ins Zimmer pissen!"

Internet

Der nur das Leben träumt, kann mir nicht Leben geben. Und der es lebt, der nimmt mir meinen Traum! In uns allein ist Traum und Leben eines!

Internet

Das Leben ist so kurz, und die Menschen verstehen es nicht einmal, sich aus den doch noch bestehenden vierundzwanzig Stunden ein kleines, feines, flüchtiges Paradies zu machen!

Internet

Das Leben ist eine merkwürdige, mysteriöse und eigentlich stupide ewige unentrinnbare Sehnsucht, am Leben zu bleiben, solange als nur irgendmöglich! Wozu, weshalb, niemand weiß es.

Internet

Nein, das Leben ist taktlos, übersieht die feinen Pointen…

Internet

Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue hinzubekommen – den Schnee! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie Schneegleiten, Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten, betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele hineintrinken, mich durch ihn und vermittelst seiner aus der dummen, realen Welt hinwegflüchten in das so genannte "weiße und enttäuschungslose Zauberreich"! Jeder Baum, jeder Strauch wird durch ihn zu einer selbstständigen Persönlichkeit, während im Sommer ein allgemeines Grün entsteht, das die Persönlichkeit der Bäume und Sträucher verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfangen, kurz überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und gleichgültig ist. Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine unerträglich gewordene Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn nur ins Gesicht nadelt und staubt und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn, wenn er pulverig wird vor Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich will ihn nicht benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will nicht kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger Liebe, in Melancholie und Begeisterung.

Internet

Arbeit ist eine Sucht, die wie eine Notwendigkeit aussieht.

Internet

Aphorismen: Wenn der blitzartig rasche Gedanke richtig ist, bedarf er keiner historischen Entwicklung. Und wenn er unrichtig ist, kann ihn eine langsame, naturgemäße, historische Entwicklung auch nicht verbessern!

Internet

Einen Menschen zu erziehen, heißt, ihm zu sich selbst zu verhelfen. Wozu verhilft der gute Gärtner der Rose?!? Zum Rose-Werden!

Altenberg, Was der Tag mir zuträgt. Fünfundfünfzig neue Studien, 1901

Gott denkt in den Genies, träumt in den Dichtern und schläft in den übrigen Menschen.

Internet

Die Hoffnung, mit dem billigsten, was es auf Erden gibt, dem schönen liebenswürdigen Wort, sich aus der Affäre zu ziehen, ist größer als der Zwang der Anständigkeit, den die schlichte Wahrheit erfordert.

Altenberg, Märchen des Lebens, 1908. Krankenbesuche

Friedvoller Ort! So seien unsere Seelen, morgens, abends – wenigstens morgens, abends!

Internet