Richard von Schaukal (1874–1942)

6 Sprüche Realismus

Mit jedem Menschen sterben auch die Toten, die nur in ihm noch gelebt hatten.

Schaukal, Gedanken, 1931

Die Ehe: man spricht sich aus, und immer wieder kommt der Milchmann.

Schaukal, Beiläufig, 1912

Die Jugend vergeudet Jahre, das Alter sammelt Stunden.

Schaukal, Vom Alter. Nachdenklichkeiten von Richard von Schaukal, in: Der Türmer, 1928

Entführung Wenn die leichte Kerzenflamme schwehlend sich gespenstisch hebt, die am runden weißen Stamme zuckend wie gefangen klebt, und ein Hauch im düstern Zimmer unbemerkt sie plötzlich treibt, daß ihr flüchtig blasser Schimmer schattend einen Kreis beschreibt: fühlst du dich im tiefsten Kerne wie von einem Ruf berührt, der dich in die große Ferne, in die Ewigkeit entführt, fühlst dich über diesem Leben körperfrei im Wirbelwind lautlos zu den Quellen schweben, draus die Zeit ins Dunkel rinnt.

Schaukal, Gedichte, 1918

Wahrheit ist nicht etwas Äußeres, zu dem man gelangt, sondern etwas Inneres, das vernehmlich wird.

Schaukal, Gedanken, 1931

Die Wahrheit ist von Ewigkeit. Aber die Zeitlichkeit ist nicht außer der Ewigkeit. Und so ist die ewige Wahrheit wirksam in der Zeit. Die Ewigkeit erhält die Wahrheit in der Zeit, indem sie den Atem anhält. Und so erleben wir, immer wieder, die Wahrheit im Augenblick von Ewigkeit.

Schaukal, Vom unsichtbaren Königreich, 1910