Robert Graf (1878–1952)

1 Sprüche Realismus

Am Schachbrett des Lebens Beim Schachspiel saß ich. Ein Springerzug Ließ jäh meine Wangen erblassen. Das Herz hinauf bis zum Hals mir schlug: Die Königin mußte ich lassen. Ich nehme den goldenen Becher zur Hand Und leere ihn bis zum Grunde. Die Königin fuhr in das weite Land, Lacht über das Herz, das wunde. Jahre vergehen. Ich sitze still Gebückt überm Schachbrett wieder. Das Leben verloren? Verloren das Spiel? Verweht die Rosen, die Lieder? Wer bist du, Partner? Ich kenne dich doch! Deine Augen, die braunen, sie brennen. Märchen einst. Märchen auch heute noch. Jugend, so will ich dich nennen. Du selige Jugendpoesie Breit über mir aus die Hände. Ich sinne und spiele die alte Partie. Sie geht niemals zu Ende.

Bern/Zoozmann (Hg.), Die zehnte Muse. Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl aus vergangenen Jahrhunderten und aus unseren Tagen, Erstauflage hg. von Maximilian Bern, spätere Auflagen neu bearbeitet und hg. von Richard Zoozmann, 3 Bde., 1924-29 (EA: 1902)